Donnerstag, 17. Mai 2012

Zwischeninfo


Wir sitzen immer noch in Buenos Aires und warten darauf, dass unser Schiff in den Hafen einlaufen kann. Das Schiff auf dem Bild ist übrigens nicht die Grande America, mit der wir hoffentlich sicher Hamburg erreichen werden. Es ist aber der Grund, warum sich alles so stark verzögert. Am letzten Sonnabend gab es ein schlimmes Schiffsunglück auf dem Rio Parana, unmittelbar bei Buenos Aires. Der argentinische Frachter (auf dem Bild) wurde von einem paraguayischen Schlepper gerammt und sank innerhalb 3 Minuten. Das traurige dabei, bis auf Einen wurden alle Besatzungsmitglieder im Rumpf eingeschlossen und sind ertrunken. Man will es gar nicht glauben, denn das Ufer ist ja so nah. Auf Grund dieses Unfalls wurde der komplette Schiffsverkehr auf dem Rio Parana eingestellt. Für uns heißt es also warten und hoffen, dass es bald losgehen wird. Obwohl wir hier, im Club Aleman, einen recht angenehmen Stellplatz gefunden haben ist es doch langsam frustrierend. Wir sind es nicht mehr gewohnt, so fremdgesteuert zu sein. Wie auch immer, in den nächsten Tagen wird es losgehen und dann sind wir für 4 Wochen unterwegs und auch nicht erreichbar. (Hier ein Link zu der aktuellen Schiffsposition). Wir melden uns dann hier im BLOG aus Deutschland wieder, dann wird auch der vorerst letzte Reisebericht fertig sein.

Bis dahin, hasta luego, Petra und Bernd

Montag, 30. April 2012

24.12.2011 – 28.03.2012: In Südpadagonien und an der Atlantikküste


24.12.2011 – Feuerland - Weihnachten und Silvester am Ende der Welt

Wir verlebten nun schon unser drittes Weihnachtsfest in der Fremde, aber diesmal war es für uns einfacher als in den letzten zwei Jahren. Vielleicht hatten wir uns schon etwas daran gewöhnt, und die vielen netten Reisebekanntschaften in Ushuaia machten es uns auch etwas leichter. Und dann war noch das Wetter auf Feuerland - nasskalt, regnerisch und trüb; also fast wie das übliche Weihnachtswetter in Deutschland. Dabei war hier Hochsommer.

Am Morgen des Weihnachtstages gingen wir in die Stadt und erledigten unsere Weihnachtseinkäufe. Wir hatten Appetit auf ein Schweinesteak oder einen knusprigen Schweinebraten, doch als Petra diesen Wunsch an der Fleischtheke vorbrachte, erntete sie nur Kopfschütteln und Lachen. Rind und Lamm könnte sie haben, aber kein Schweinefleisch. „Na, dann nehme ich drei kleine Rindersteaks“ meinte Petra, obwohl auch zwei für uns gereicht hätten. Der Fleischer schnitt die Steaks vom ausgesuchten Filet und es wurden immer mehr. Mit einem „No, no, sólo tres“ konnte Petra ihn gerade noch stoppen. „¿Tres, no más?“, fragte der Fleischer kopfschüttelnd und lachte wieder. Mittlerweile war der halbe Supermarkt am Fleischstand versammelt, jeder wollte die Frau sehen, die erst Schweinefleisch verlangt hatte und dann mit 3 jämmerlichen Steaks Weihnachten feiern wollte.

Die Argentinier kauften alles in großen Mengen - und Fleisch sowieso. Ganze Lämmer, dazu riesige Stücke Rindfleisch und Würste für das weihnachtliche Asado türmten sich in den Einkaufswagen, dazu Bier, Wein, Süßigkeiten und vieles mehr. Wir standen in einer langen Schlange an der Kasse, zwischen den vielen hektischen Menschen mit ihren riesigen Weihnachtseinkäufen, und beobachteten alles mit Interesse. Es hätte auch ein beliebiger Supermarkt in Deutschland sein können, so wenig unterschiedlich war das Kaufverhalten. Es erstaunte uns immer wieder, wie die Argentinier sich dieses Leben so leisten können. Gerade Lebensmittel sind wesentlich teurer als in Deutschland, zum Teil kosten sie das Doppelte, und der Verdienst ist eher bescheiden. Wir trafen eine junge Lehrerin, die uns ihr Monatseinkommen mit 3000 Pesos benannte - das sind gerade mal 500 €.

Ein kräftiger Wind blies am Nachmittag die Wolken weg und so saßen wir bei Kerzenschein, Weihnachtsmusik und strahlendem Sonnenschein in unserem Wohnmobil und ließen uns unser bescheidenes Weihnachtsmenü schmecken. In einer geselligen Runde mit anderen Reisenden verbrachten wir dann den Abend im Clubhaus des Campingplatzes bei Glühwein und so mancher weihnachtlichen Leckerei aus der Heimat. Die meisten waren erst im Herbst in Buenos Aires angekommen und hatten für das erste Weihnachtsfest Stollen, Lebkuchen und Schokolade dabei. So etwas konnten wir nicht beisteuern, aber umso mehr waren unsere Erfahrungen gefragt, denn von dort, wo wir herkamen, wollten die meisten noch hin. Erst gegen 23:00 Uhr war es so dunkel geworden, dass auch der leuchtende Weihnachtsbaum und die brennenden Kerzen zur Weihnachtsstimmung beitrugen.

Die nächsten Tage vergingen viel zu schnell. Anrufe bei unseren Kindern, bei Verwandten und Freunden in Deutschland, interessante Gespräche mit anderen Globetrottern auf dem Campingplatz, aber auch lesen, schreiben und die Seele baumeln lassen waren angesagt.

Nach den Weihnachtsfeiertagen haben wir noch etwas die Umgebung von Ushuaia erkundet. Der Nationalpark Tierra del Fuego war für uns eine Enttäuschung. Mit 15 € Eintritt pro Person war er viel zu teuer und ohne irgendein Naturhighlight, es war dieselbe Landschaft und Natur zu sehen wie außerhalb des Parks auch. Unsere Bootsfahrt auf dem Beagle-Kanal war schon eher interessant. Auf den kleinen Kanalinseln tummelten sich Seelöwen, Pinguine und unzählige Kormorane und vor der gewaltigen Bergkulisse Feuerlands und der chilenischen Insel Navarino war der berühmte Eclaireurs-Leuchtturm ein beliebtes Fotomotiv.

Pünktlich zu Silvester standen wir wieder auf dem Campingplatz Club Andino. Mit unseren neuen Platznachbarn Gitta und Peter verstanden wir uns auf Anhieb. Es war ein wirklich netter Abend und um Mitternacht lagen sich alle im Saal in den Armen und wünschten sich ein gutes neues Jahr.

Am Neujahrstag war dann der große Aufbruch. Viele konnten es kaum erwarten endlich wieder weiterzufahren und auch wir haben unser Wohnmobil gepackt und uns von den neu gefundenen Freunden verabschiedet. Manchmal trifft man sich noch mal irgendwo oder man tauscht noch einige Mails aus, aber meist verliert sich der Kontakt nach einiger Zeit. Jeder hat so viele neue Eindrücke, so viele spannende Erlebnisse und viele neue, aber ebenso flüchtige Reisebekanntschaften, dass nur selten eine bleibende Freundschaft entstehen kann. Schade, aber auch das ist typisch für unser derzeitiges Leben.

Einige Tage verbrachten wir noch in völliger Einsamkeit auf der Estanzia Harberton, direkt am Beagle-Kanal. Die Estanzia, sie ist die erste europäische Ansiedlung auf Feuerland, wurde 1886 von dem britischen Missionar Thomas Bridges aufgebaut. Der Schutz der bedrohten Yahgan-Indianer Südfeuerlands wurde zu seiner Lebensaufgabe. Er studierte das Leben und die Sprache der Ureinwohner Feuerlands und schrieb sogar ein Wörterbuch Yahgan-Englisch. Viele Überlieferungen, Fotos und Originaldokumente stammen aus seinem Besitz. Sie sind die letzten Informationen über dieses heute ausgestorbene Volk. Auch Bridges konnte es nicht verhindern, dass die Ureinwohner auf den Inseln um den Beagle-Kanal schon 50 Jahre nach Beginn der Besiedlung durch Weiße praktisch ausgerottet waren. Die brutale Landnahme, eingeschleppte Krankheiten, das Einsperren der Indianer in Reservate und das schonungslose Jagen der Seelöwen, der wichtigsten Nahrungsquelle der Indianer, waren die Gründe für diesen Genozid. Heute lebt nur noch eine letzte alte Yohgan-Indianerin bei Puerto Williams. Die Sprache ihrer Vorfahren beherrscht sie jedoch nicht mehr, diese ist für immer verloren.

Während dieser Tage auf der Estanzia wurde uns bewusst, wie hart das Leben der Ureinwohner war und wie viel Kraft ihnen das lebensfeindliche Klima abgefordert hatte. Selbst im Hochsommer war es windig, feucht und kalt. Obwohl uns die Ruhe, die Weite der Landschaft und die Einsamkeit faszinierten, fiel uns nach drei Tagen die Entscheidung nicht schwer, diesen schönen Platz am Kanal zu verlassen und in der Hoffnung auf wärmeres Wetter nordwärts zu fahren.



08.01.2012 – Im südlichen Chile - vergangener Reichtum und bleibende Naturwunder

Wir verließen Feuerland mit der Fähre über die Magellanstraße und hatten auch diesmal keine Probleme, mit Basko die Grenze zu Chile zu passieren. Auf der Ruta 255 fuhren wir, dem Verlauf der Magellanstraße folgend, in südwestliche Richtung. Punta Arenas war unser Ziel. Unendlich weites und karges Land umgab uns, das fast ausschließlich zur Schafzucht genutzt wird. Millionen Schafe grasten auf den riesigen Estanzias, aber die goldenen Zeiten der Schafzucht sind vorbei. Begonnen hatte alles 1876, als europäische Einwanderer die Erlaubnis zur Schafzucht erhielten. Land war billig und reichlich vorhanden und das Klima bekam den Schafen gut. Mit der begehrten Schafwolle kam ein ungeheuerer Aufschwung, der weitere Auswanderer, Handwerker und Geschäftsleute anzog. In den Folgejahren entwickelte sich die Stadt Punta Arenas zur reichsten und schönsten Kolonialstadt in Patagonien. Die Besitzer der riesigen Schaf-Estanzias wurden in kurzer Zeit so reich, dass sie sich schlossartige Villen in der Stadt bauen ließen, für die nur das Beste gerade gut genug war. Der Stadtpalast von Sara Braun, heute ein Nobelhotel oder die Villa von Mauricio Braun und Josefina Menéndez, welche heute das Regionalmuseum beherbergt, sind Zeugnisse des damaligen Wohlstandes. Wir konnten die Wohnhäuser mit ihrer originalen Einrichtung besichtigen und waren beeindruckt von dem Prunk, aber auch entsetzt über die Verschwendung. Tapeten aus Frankreich, Marmor aus Italien, Möbel aus England und Flandern, selbst das Holzparkett kam aus Übersee - nichts war aus Patagonien oder Südamerika.

Der ehemalige Reichtum der Stadt spiegelt sich auch auf dem Friedhof der Stadt wider, der zwischenzeitlich zum Nationaldenkmal erklärt wurde. Prunkvolle Mausoleen und riesige Grabstätten zeugen vom Überfluss und der Verschwendungssucht dieser Superreichen. Den Preis für diesen Reichtum haben nicht zuletzt die Ureinwohner bezahlt, die auch hier erbarmungslos ausgebeutet und ausgerottet wurden.

Nach Punta Arenas war der Nationalpark Torres del Paine unser nächstes Ziel in Südchile. Der Nationalpark ist einer der meist besuchtesten in Chile und besticht mit einer atemberaubenden Landschaft. Über Puerto Natales fuhren wir zum westlichen Eingang des Parks. Auf dem Weg liegt die Höhle Cueva del Miledón. 1896 fand der deutsche Abenteurer Hermann Eberhard in dieser Höhle gut erhaltene Fell- und Knochenreste eines großen Tieres. Er hatte das einzige erhaltene Skelett des vor 8500 Jahren ausgestorbenen Mylodon, eines 3-4 m großen Riesenfaultiers, entdeckt. Im Umfeld der Höhle wurden auch archäologische Funde der ersten menschlichen Besiedlung Patagoniens gemacht. Vermutlich waren diese steinzeitlichen Jäger auch der Grund für das Aussterben dieser Tierrasse.

Über staubige Pisten ging unsere Fahrt weiter. Das spektakuläre Panorama entschädigte uns für die Rumpelpiste. Hinter blauen Gletscherseen ragten die Türme des Paine-Bergmassivs über 2000 Meter aus der Ebene auf. Der höchste Gipfel, der Cerro Paine Grande, ist 3050 Meter hoch. Die Felstürme sind so steil, dass sich kein Schnee darauf hält, und sie somit kahl aus der schneebedeckten Umgebung in den Himmel ragen. Diese atemberaubende Landschaft ist das touristische Highlight in Südchile. Bis zu 200.000 Besucher muss der Park jedes Jahr verkraften. Das bleibt nicht immer ohne Folgen. 2005 wurden 10 % des Nationalparks durch ein Feuer vernichtet. Ein Wanderer hatte damals mit seinem Campingkocher diesen Brand verursacht und zum Jahreswechsel 2011/2012 ereignete sich ein ähnliches Inferno mit noch größerem Ausmaß. Wieder war ein unachtsamer Besucher der Verursacher.
Wir waren froh, als wir am Eingang erfuhren, dass der Nationalpark seit einigen Tagen wieder geöffnet war und wir große Teile des Parks besuchen können. Die Rancherin war sehr freundlich, sie erlaubte uns auch vor dem Gebäude der Parkverwaltung im Wohnmobil zu übernachten, weil wir erst am nächsten Morgen in den Park fahren wollten. Also machten wir es uns gemütlich, bereiteten unser Abendessen und gingen dann mit Basko eine kleine Runde spazieren. Plötzlich kam die bisher so nette Rancherin aus dem Haus gestürmt und forderte uns auf, sofort das Gelände zu verlassen. Der Grund war unser Basko, Hunde sind im Park nicht erlaubt. Bisher hatten wir jedoch mit solch einem Verbot nie Probleme, wenn Basko im Auto blieb, beziehungsweise an der Leine geführt wurde. Aber jetzt lagen die Nerven bei der Parkverwaltung blank. Die Zerstörung großer Teile des Parks durch den vor wenigen Tagen ausgebrochenen katastrophalen Brand führte wohl dazu, dass jetzt alle Vorschriften besonders strikt umgesetzt wurden. Es war übrigens das erste Mal, dass wir solche Probleme wegen Basko hatten, sieht man mal von dem Grenzübertritt von Bolivien nach Chile ab.

Nach einer trotzdem recht angenehmen Nacht in freier Natur sind wir um den Nationalpark herum zur östlichen Parkgrenze gefahren und haben an den Lagunen Amarga und Azul herrliche einsame Stellplätze mit Blick auf die Torres gefunden. Hier konnten wir wandern, Tiere beobachten und das eindrucksvolle Bergmassiv auf uns wirken lassen.

Auf der Fahrt zum kleinen Grenzübergang Cancha Carrera nach Argentinien fühlten wir uns wie im Zoo. So viele Guanakos, die wild lebenden Vorfahren der Lamas und Alpakas, und so viele Nandus, es sind die größten flugunfähigen Laufvögel Südamerikas, hatten wir bisher noch nie gesehen. Sie überquerten die Straße oder standen in großen Gruppen in der Pampa und betrachteten uns ohne Scheu.




20.01.2012 – Perito Moreno - ein atemberaubender Gletscher

Kaum jemand würde El Calafate kennen oder dort hinfahren, läge der kleine Ort nicht am Rande des Nationalparks Los Glaciares und würde der Zugang zum Nationalpark nicht über diesen Ort führen. So hat sich El Calafate zu einem typischen Touristenort mit Restaurants, Kneipen, Hotels und unzähligen Touranbietern entwickelt. Schon von der Stadt aus sahen wir am westlichen Horizont die schneebedeckten Berge und die milchig blauen Gletscherseen. Dazwischen liegen die gewaltigen Gletscher, die durch den Nationalpark geschützt werden. Es sind Ausläufer des Inlandeises der südlichen Halbkugel; der, abgesehen von den Polregionen, größten zusammenhängenden Eismasse der Erde. Mit 22.000 km² entspricht sie etwa der Größe Hessens. Der größte Gletscher im Nationalpark ist der Upsala-Gletscher. Mit einer Fläche von 595 km² zählt er zu den gewaltigsten Einzelgletschern auf der Welt. Leider kann man ihn nur während einer Bootstour sehen. Der noch eindrucksvollere legendäre Perito-Moreno-Gletscher bot da bessere Möglichkeiten, da dieser von eigens dafür errichteten Besucherplattformen hautnah und völlig ohne Zeitdruck besichtigt werden kann. Außerdem zeichnet den Perito-Moreno noch eine Besonderheit aus. Während fast alle anderen Gletscher auf der Welt abschmelzen und schrumpfen, wächst der Perito-Moreno kontinuierlich.

Das Wetter war ideal, und so hielten wir uns nicht lange in El Calafate auf. Am Lago Argentina verbrachten wir die Nacht und am nächsten Morgen trieb uns die Vorfreude auf das Erlebnis schon früh aus dem Bett. Wir waren die ersten Besucher im Park und hatten den Gletscher ganz für uns allein. Über die komfortablen Laufstege und Aussichtsplattformen, die in verschiedenen Höhen und Abständen einen fast hautnahen Kontakt zum Gletscher ermöglichten, kamen wir der gewaltigen Eismasse des Perito-Moreno-Gletschers immer näher. Der Gletscher, der auf Fotos so klein aussieht, ist an seiner Abbruchkante über 4 Kilometer breit und ragt 60 Meter aus dem Lago Argentina in die Höhe. Aber nicht nur die Größe des Gletschers war beeindruckend, sondern vor allem der Umstand, dass sich diese gewaltige Eismasse kontinuierlich bewegt. Mit 2-3 cm pro Stunde drückt das Eis ins Tal. Diese Bewegung war nicht zu sehen, wohl aber zu hören. Die von der Eismasse ausgehenden Geräusche sind fast nicht zu beschreiben. Laut und kraftvoll hörten wir das Knacken und Knarzen tief drinnen im Gletscher. Manchmal waren kurze Schleifgeräusche oder das Zersplittern des Eises zu hören, alles aber so gewaltig und laut, einfach unvorstellbar. Die Sensation war natürlich das sogenannte Kalben des Gletschers, das Abbrechen großer Eisbrocken aus der Gletscherwand, die dann mit lautem Getöse in den Lago Argentina krachten. Ein weiteres Phänomen war die leuchtend blaue Farbe des Gletschereises, die sich im Laufe des Tages, je nach Sonneneinstrahlung noch verstärkte. Wir waren so fasziniert von diesem Naturschauspiel, dass wir uns erst nach einigen Stunden davon losreißen konnten. Nach einer kurzen Mittagspause und einen Spaziergang mit Basko, der natürlichen im Auto bleiben musste, sind wir noch einmal zum Gletscher runter gestiegen.

Die Sonne stand jetzt direkt über der Gletscherkante und erwärmte das Eis. Immer öfter brachen riesige Eisbrocken oder ganze Eissäulen aus der Wand heraus. Jeder, der jetzt recht zahlreichen Touristen hatte seine Kamera im Anschlag, um diesen Moment als Bild oder Video einzufangen. Als ob man mit einem lauten Gespräch dieses Schauspiel stören könnte, flüsterten alle oder hielten den Atem an. Einen ganzen Tag verbrachten wir auf unserem „Beobachtungsposten“, aber es war spannend bis zur letzten Minute.

Noch zwei Tage verbrachten wir am Lago Roca, inmitten der unberührten Natur des Nationalparks, bevor wir wieder zurück nach El Calafate mit seinen touristischen Annehmlichkeiten gefahren sind. An El Calafate habe ich später noch oft gedacht. Nicht nur der gewaltige Gletscher ist mir in Erinnerung geblieben, sondern auch das leckerste Lamm-Asado unserer bisherigen Reise.


Video vom Perito-Moreno-Gletscher

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06.02.2012 – Fitz Roy - das schönste Bergmassiv Südamerikas

Ganz ernst nahmen wir die Ankündigung der Campingplatzbesitzerin in El Calafate nicht, als sie uns von dem schlechten Wetter am Fitz Roy berichtete. „Sie will sicher nur, dass wir noch etwas hierbleiben“ war unsere Meinung. In El Calafate hatten wir seit Tagen nur Sonnenschein und El Chaltén, die kleine Siedlung am Fuße des Fitz-Roy-Bergmassivs, war nur 50 Kilometer Luftlinie entfernt.

Je näher wir aber dem eindrucksvollen Gebirgsmassiv kamen, umso trüber und regnerischer wurde es. An der Touristen-Information in El Chaltén trafen wir Margit und Peter, die zwei Schweizer in ihrem Bucher-Allradmobil. Seit Valdés sind wir uns immer wieder begegnet und wir waren jedes Mal begeistert von dem Willen und der Kraft, die diese zwei Globetrotter antreibt, denn Peter sitzt im Rollstuhl. Wir freuten uns über das unerwartete Wiedersehen und tauschten unserer Erlebnisse der letzten Tage und Wochen aus. Nicht so positiv war die Tatsache, dass es hier wirklich seit mehreren Tagen regnete oder es zumindest so trüb war, dass man von dem spektakulären Fitz-Roy-Massiv nichts sehen konnten. Mittlerweile hatten sich auch noch die zwei Österreicher Margit und Jörg, die schon seit fünf Jahren in ihrem Land Rover unterwegs sind, zu uns gesellt, und gemeinsam warteten wir auf Wetterbesserung. Gut, dass wir genügend Zeit und eine flexible Reiseplanung hatten. Die vielen ‚normalen’ Touristen, die jeden Tag mit Bussen angereist kamen, hatten gar keine Chance die herrliche Bergwelt zu erleben. Sie fuhren abends wieder ab, immer ihren engen Reisezeitplan in Nacken.

Wir wollten aber noch etwas mehr, wir hatten uns in den Kopf gesetzt, das Bergmassiv bei Sonnenaufgang zu sehen. Bei diesem, als ‚Sunrise in fire’ bezeichneten Naturschauspiel kann man bei wolkenlosem Himmel das Fitz-Roy-Massiv für wenige Minuten wie in Flammen sehen. Jeden Morgen klingelte der Wecker vor Sonnenaufgang. Nach einem Blick aus dem Wohnmobil konnte ich mich wieder schlafen legen, weil der Himmel trüb und wolkig war. Aber unsere Ausdauer hat sich gelohnt. Nach drei Tagen dann ein wolkenloser Himmel, nur die Bergspitzen des 3405 Meter hohen Cerro Fitz-Roy und des Cerro Torre waren von Wolken bedeckt. Die aufgehende Sonne tauchte den Berg und die ihn umgebenden Wolken in ein tief rotes Licht. Es wirkte wirklich so, als ob der Berg brennen würde und nach nur 10 min war alles vorbei.

Der sonnige Tag musste natürlich genutzt werden, und so haben wir uns noch eine wunderschöne Wanderung auf dem Fitz-Roy-Wanderweg gegönnt. Naja, Petra musste ich erst zu ihrem Glück überreden, sie hatte bei dem starken Wind erst wenig Lust zum Wandern, war dann aber beim Anblick der Berge mindestens genauso fasziniert wie ich. Es war auch wirklich der einzige schöne Tag. Als es am nächsten Morgen wieder regnete, hatten wir es satt. Wir wollten endlich wieder etwas Sonne tanken. Auf unserer weiteren Fahrt entlang der Atlantikküste sollten wir dazu genügend Gelegenheit haben.

02.03.2012 – An der Atlantikküste - Baden, Sonnen, Faulenzen … und Sand schaufeln

Bis El Chaltén hatten wir die Entscheidung aufgeschoben, ob wir die raue Ruta 40 und die chilenische Carretera Austral oder die gut ausgebaute Ruta 3 an der Atlantikküste fahren werden. Nach einigen Rückinformationen anderer Reisender, die schon die Westroute gefahren waren und zum Teil schlimme Schäden an ihren Autos beklagten, und der ganz aktuellen Informationen der Touristen-Information in El Chaltén, dass es große Engpässe bei der Diesel-Versorgung auf der Ruta 40 gebe, haben wir uns für die Atlantikroute entschieden. So richtige Lust auf Hunderte Kilometer Schotter- und Wellblechpiste hatten wir sowieso nicht.

Obwohl wir die Ruta 3 am Atlantik schon auf der Fahrt von Buenos Aires nach Feuerland gefahren waren, gab es für uns trotzdem manches Neue zu entdecken. Das lag daran, dass wir diesmal genügend Zeit hatten, um viele der kleinen Seebäder zu besuchen, die jetzt in der Nachsaison ihren unverfälschten Charme zeigten. Wir hatten die kilometerlangen Strände fast für uns allein und die meisten unserer Übernachtungsplätze waren einfach spektakulär. Zwischen den Dünen am Strand, direkt an der Uferpromenade oder an der Steilküste hoch über dem Atlantik fanden wir die schönsten Stellplätze. Es war genau die Situation, die wir uns immer gewünscht hatten. Ohne zeitliche Einschränkung zu reisen und überall dort, wo es uns gefiel, so lange zu bleiben, bis uns die Neugier weiter trieb oder das beginnende herbstliche Wetter uns veranlasste, weiter nordwärts in die Wärme zu ziehen.

Trelew war dann eine nette Abwechslung zum Strandleben. In der Stadt befindet sich eines der weltweit besten paläontologischen Museen. Die ausgestellten, teilweise über 300 Millionen Jahre alten Fossilien stammen alle aus Patagonien, dem Eldorado der Fossiliensammler. Auch Knochen und ganze Skelette der verschiedensten Dinosaurier wurden und werden auch heute noch in Patagonien gefunden, und die interessantesten Fundstücke sind im Museum in Trelew ausgestellt. Dazu gehören auch das weltweit einzige Exemplar eines gehörnten Sauriers und mehrere gut erhaltene Sauriereier.

Von Trelew aus war es nur ein kleiner Abstecher nach Gaiman, dem kleinen walisischen Musterdorf, in dem die Teehäuser die Hauptattraktion sind. Selbst Prinzessin Diana hat hier schon ihren Tee geschlürft, und da durften wir natürlich nicht nachstehen. Im berühmten Ty Te Caerdydd wurde wirklich guter Kuchen ohne Limit serviert und der leckere Tee immer wieder nachgeschenkt.

Auf unserer weiteren Fahrt auf der Rute 3 sahen wir, kurz hinter Necochea, ein Hinweisschild zum Balneario La Loberia. Nur 10 km Schotter waren zu bewältigen und dann standen wir schon am Strand und freuten uns auf eine schöne ruhige Nacht. Der Ort selbst war wie ausgestorben, es gab zwei kleine Hotels und einige Cabañas am Strand, aber alles war verschlossen und leer. Eigentlich standen wir auf dem Strandparkplatz nicht schlecht, doch nach dem Abendessen packte mich der Ehrgeiz. Vielleicht sollten wir doch einige Meter zurückfahren, dort wäre es etwas windgeschützter und vor allem würden wir dann ganz gerade stehen. Nach nur wenigen Metern wurde das Wohnmobil plötzlich gestoppt, als ob ich irgendwo aufgefahren wäre. Der Grund war eine Stelle mit ganz weichem Sand unter der angetrockneten Oberfläche. Wir saßen fest. Mit Sand schaufeln, Steine und Holz unterlegen und mehreren Versuchen selbst freizukommen verging der Abend. Das Ergebnis war, dass unser Wohnmobil jetzt noch viel tiefer im Sand steckte als vorher. „Jetzt können wir fast zu ebener Erde aus der Tür treten“ sagte Petra im Spaß. Ich fand diesen Scherz nicht ganz so lustig. Der Abwassertank saß, trotz voll ausgefahrener Luftfederung auf dem Boden auf und ich lag mit dem Gesicht im Sand und versuchte, den Sand wenigstens an diesen Stellen abzutragen. „Wir können nichts weiter tun als Schlafen gehen“ meinte ich dann resigniert, „morgen muss uns ein Jeep oder ein Traktor rausziehen“. So richtig gut geschlafen haben wir nicht. Das Wohnmobil stand so schräg, dass wir in unserem Bett immer wieder nach unten gerutscht sind.

Schon um 8:00 Uhr war ich im Ort unterwegs, das noch nagelneue Abschleppseil hing über meiner Schulter, um die Verständigung zu erleichtern. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war, dass es im ganzen Ort kein passendes Fahrzeug gab. Der einzige Jeep gehörte der Tourismusverwaltung, und der war defekt. Die hilfsbereite Polizistin, die ich dann nach 09:00 Uhr aus ihrem Bett geklingelt habe, fuhr mit mir auf dem Polizei-Quad von Haus zu Haus - aber das Ergebnis war niederschmetternd. Kaum ein Haus war jetzt in der Nachsaison bewohnt und kräftige Autos – Fehlanzeige. Es verirrte sich auch den ganzen Vormittag kein Auto in dieses verlassene Dörfchen und wir rechneten schon unsere Lebensmittelvorräte auf die nächsten Tage auf. Aber wie immer kommt irgendwann die Lösung, in unserem Fall am späten Nachmittag in Gestalt eines Anglers mit einem uralten Jeep. Es war noch einer von der Sorte, wo die Stoßstange ihrem Namen auch verdient. Da der Bolzen seiner Hängerkupplung fest gerostet war, wurde mein Abschleppseil einfach um diese solide Stoßstange gewickelt. Mit Allrad, Untersetzung und viel Gas hat es der Jeep dann wirklich geschafft, unser 4-Tonnen-Wohnmobil aus dem tiefen Sand zu ziehen. Wir waren überglücklich. Mit einigen Büchsen Bier bedankten wir uns, aber dem jungen Mann war viel wichtiger, dass er wieder mal bewiesen hat, dass sein Jeep auch mit solch schwierigen Situationen fertig wird. „Alles kein Problem für ein richtiges Auto“ murmelte er noch beim Einsteigen und fuhr über den Strand zu seinem Angelplatz.

Montag, 23. April 2012

Zwischeninfo

Unser Blog ist derzeit nicht ganz auf dem neuesten Stand. Deshalb hier eine kurze Zwischeninfo.

Im neuen Jahr haben wir in Südpadagonien herrliche Naturerlebnisse gehabt und sind dann an der Atlantikküste bis nach Buenos Aires getingelt.


Dort wartete schon unsere Tochter auf uns. Gemeinsam haben wir den letzten Gewalttrip bewältigt - in 3 Wochen durch 4 Länder. Paraguay, Südbrasilien und Uruguay waren unsere Ziele und zu Beginn haben wir in Nordargentinien den angriffslustigen Moskitos getrotzt. Seit letzten Sonntag ist unsere Kathi wieder in Deutschland und auch unser Basko hat wieder deutschen  Boden unter den Pfoten (Bild: Basko in Frankfurt).
Noch zwei Wochen haben wir Zeit, um die letzten Erlebnisse zu verarbeiten und natürlich auch in Text und Bild zu veröffentlichen. Dann geht es für einen Monat auf ein Frachtschiff der Grimaldi-Line. Mitte Juni werden wir dann auch wieder in der Heimat sein. Wir freuen uns schon auf unsere Familie, unsere Freunde und auf die leckeren Dinge, auf die wir in den letzten Jahren verzichten mussten. Also dann, bis später.
Un fuerte abrazo! Petra und Bernd


Sonntag, 26. Februar 2012

19.10.2011 – 23.12.2011: Quer durch Argentinien bis ans „Ende der Welt“


20.10.2011 – In der argentinischen Schweiz - Kampf gegen die Vulkanasche

Das argentinische Seengebiet zählt zu den landschaftlich schönsten Gegenden des Landes, nicht umsonst wird es auch als die Schweiz Argentiniens bezeichnet. Dichte Wälder, tiefblaue Seen, schneebedeckte Berge und die dieser Landschaft angepasste Architektur waren die Gründe, dass sich diese Region zu den beliebtesten touristischen Zielen Argentiniens entwickelte - bis der Ausbruch des Vulkans Puyehue alles unter einer dichten Ascheschicht begrub.

Wir fuhren nach San Carlos de Bariloche, dem touristischen Zentrum der Region. Die Stadt liegt am malerischen Lago Nahuel Huapi, umgeben von erhabenen Andengipfeln. In der Innenstadt hatte man mit viel Aufwand die Asche weitestgehend entfernt - aber der starke Wind trug immer wieder neuen Staub in die Stadt. Die meisten Einheimischen trugen einen Mundschutz. Wir schützten uns auch, soweit möglich, vor dieser verschmutzten Luft, trotzdem fiel uns das Atmen schwer. Wir hatten geplant, einige Tage in Bariloche zu verbringen, aber dann waren wir froh, die Stadt nach einer kurzen Stadtbesichtigung wieder verlassen zu können.

Westlich von Bariloche liegt die Halbinsel Llao Llao, auf der sich das gleichnamige, 1936 erbaute Luxushotel wunderbar in die Landschaft einfügt. Im Garten des Hotels war alles grün. Tag und Nacht laufende Wassersprenger hatten die Ascheschicht in den Boden eingeschwemmt. Wie viele Jahre wird es in den Wäldern dauern, bis der Regen auch dort die Spuren des Vulkanausbruchs beseitigt haben wird?

Die schlimmste Situation fanden wir in Villa Angostura vor. Der schöne gepflegte Ferienort am Nordufer des Lago Nahuel Huapi wirkte auf uns wie nach einer Schneekatastrophe. Alles lag unter einer dicken grau-weißen Schicht. Überall waren die Bewohner aktiv. Sie schaufelten in ihren Gärten, auf den Straßen, den Wegen und in den schönen Parks die Asche zusammen. Mit großen Kippern wurde sie dann vor die Stadt gefahren und dort abgelagert. Wie viele von den seltenen Myrtenbäumen im Nationalpark Los Arrayanes nachhaltig geschädigt wurden, war noch nicht abzuschätzen.

Auf der Straße der sieben Seen zwischen Villa Angostura und San Martin de los Andes, normalerweise ein landschaftlicher Höhepunkt der Region, sah es ähnlich schlimm aus. Die Schönheit der Natur mit ihren Wäldern, Seen und Wasserfällen war nur mit viel Fantasie zu erkennen, der allgegenwärtige Staub und die Asche machten die Fahrt auf dieser Panoramastraße für uns zur Tortur. Selbst die Seen waren mit großen Teppichen aus Vulkansteingranulat bedeckt. Erst in San Martin de los Andes besserte sich die Situation.

Die schöne Kleinstadt am Ufer des Lago Lacar ist als Urlaubsort bei wohlhabenden Argentiniern beliebt. Viele chaletartige Gebäude, meist Hotels oder Restaurants, prägen das Bild dieser Stadt. Doch außer diesem alpenländischen Stadtcharakter hat San Martin nicht all zu viel zu bieten. Dass wir trotzdem drei Tage dort verbrachten, lag an der Gastfreundschaft von Clara und Gonzalo. Wir hatten uns am Abend einen ruhigen Stellplatz in einer Nebenstraße gesucht und standen über Nacht direkt vor ihrem Grundstück. Am Morgen kam Clara zu uns ans Wohnmobil, begrüßte uns herzlich und lud uns zum Dinner ein. Wir haben uns auf Anhieb mit dem jungen Paar gut verstanden, zumal wir genügend Gesprächsstoff hatten. Clara und ihr Mann Gonzalo waren erst vor wenigen Wochen von ihrer dreimonatigen Hochzeitsreise im gemieteten Wohnmobil durch Europa zurückgekommen. Wir hatten einen tollen gemeinsamen Abend. Ungewohnt für uns war das späte und reichhaltige Essen. Argentinier essen frühestens ab 21:00 Uhr, auch die Gaststätten öffnen am Abend erst um diese Zeit. Es wurde schon langsam hell, als wir dann in unserem Wohnmobil in einen tiefen Schlaf fielen.

Aus dem einen Abend wurden dann zwei Tage, die wir mit dem netten Paar verbrachten. Immer wieder baten sie uns, unsere Abfahrt noch einmal zu verschieben. Dann bot uns Gonzalo noch sein Ferienhaus am Atlantik an. Es steht in Cariló, einem kleinen Küstenort, und ist außerhalb der Hochsaison unbenutzt. Dort könnten wir doch einige Tage mit unserer Tochter verbringen, meinet er - natürlich kostenlos. Wir waren erst einmal sprachlos über so viel Freundlichkeit und Vertrauen und versprachen, auf alle Fälle nach Cariló zu fahren, wenn wir an der Küste sind.

Nach einer herzlichen Verabschiedung starteten wir unser Wohnmobil und fuhren stadtauswärts. Noch lange standen wir unter dem tiefen Eindruck, den diese Menschen mit ihrer Offenheit und Gastfreundschaft bei uns hinterlassen haben und wir stellten uns die Frage, ob so etwas in Deutschland auch möglich wäre.

10.11.2011 – San Rafael und Mendoza - Weinanbau, soweit das Auge reicht

Wir waren auf dem Weg nach Buenos Aires und hatten noch drei Wochen bis unsere Tochter dort ankommen wird. Das war genügend Zeit und so haben wir, einem Rat von Gonzalo folgend, die längere Strecke über Mendoza und Córdoba gewählt. Anfangs war die Fahrt noch interessant, sie führte uns zum Nationalpark Lanín und entlang des Río Limay bis nach Neuquén. Danach gab es bis San Rafael fast keine landschaftliche Abwechslung mehr. Wir fuhren 700 Kilometer über flaches Land und sahen keine Siedlung, keine Menschen, nur ganz selten kam uns ein Auto entgegen. Die ausgedörrten Weiden entlang der Straße waren eingezäunt, sie gehörten zu riesigen Estancias. Schafe und Rinder standen inmitten der Dürre und suchten nach etwas frischem Grün. Die Tiere sind sich fast das ganze Jahr selbst überlassen. Die Größe dieser Estancias wird nicht in Hektar gemessen, sondern in der Anzahl Rinder oder Schafe, die das Land ernährt.

Kurz vor San Rafael bogen wir ins Valle Grande ab. Hier ist eine Tourismus-Hochburg entstanden. Entlang des Rio Aturel lagen Campingplätze, Hostels und einfache Backpackerunterkünfte. Die meist jungen Touristen verbrachten ihre Zeit mit Rafting und Kanufahren auf dem Fluss, der jedoch so ruhig dahinfloss, dass er kaum eine Herausforderung darstellte. Wir wollten eher die Schönheiten des Cañón de Atuel, abseits der lärmenden Touranbieter, erleben. Auf ruhigen Wegen haben wir das Tal durchwandert und wurden mit herrlichen Panoramen dieser ungezähmten Flusslandschaft belohnt. Die durch Wasser und Erosion geformten Felsen leuchteten farbig in der Abendsonne.

Die weitere Fahrt bis Mendoza führte uns durch riesige Obst- und vor allem Weinplantagen. Das Klima ist ideal für den Weinanbau, 70 Prozent des argentinischen Weines, der zunehmend auch international gefragt ist, kommen aus dieser Gegend. So angenehm und grün wie das Umland präsentiert sich auch Mendoza selbst. 1861 wurde die Stadt durch ein schweres Erdbeben völlig zerstört und dann mit breiten Prachtstraßen, weitläufigen Plazas und vielen Grünflächen wieder aufgebaut. Was in erster Linie dem Schutz von Menschen und Gebäuden dienen sollte, ließ eine der schönsten Städte Argentiniens entstehen. Obwohl es wenig Sehenswürdigkeiten und kaum historische Gebäude gibt, hat die Stadt trotzdem einen malerischen Charme, der nicht zuletzt auf die gepflegten Parkanlagen und die von unzähligen Schatten spendenden Bäumen gesäumten Straßen zurückzuführen ist. Man sagt, in Mendoza stehen mehr Bäume, als die Stadt Einwohner hat.

Am Rande der Stadt liegt der weitläufige Park San Martin mit vielen Freizeitmöglichkeiten, einem Zoo, einem Amphitheater, mehreren Seen, dem großen Fußballstadion und dem einzigen Campingplatz in Stadtnähe. Obwohl der Preis von 25 € für diesen einfachen Übernachtungsplatz auch für argentinische Verhältnisse sehr hoch war blieb uns trotzdem keine andere Wahl. Wir hatten uns angewöhnt, unser Wohnmobil in größeren Städten nie unbeaufsichtigt abzustellen. Unser Stadtbummel war dann recht schnell beendet, als sich der Himmel verdunkelte und ein Unwetter aufkam. Mit einem Taxi schafften wir es gerade noch rechtzeitig bis zum Wohnmobil und konnten die Dachluken schließen, bevor das Gewitter mit wolkenbruchartigen Regen niederging. Die ganze Nacht schüttete es wie aus Eimern und am nächsten Morgen war die Versorgung des Parks zusammengebrochen. Kein Strom, kein Wasser und damit auch keine Duschen und ein völlig überschwemmter Campingplatz. Als wir diesbezüglich beim Pächter des Platzes nachfragten, wurden wir unfreundlich aufgefordert den Campingplatz bis 13:00 Uhr zu verlassen. Das ging uns dann doch etwas zu weit. Wir stellten ihn vor die Alternative, uns die halbe Campingplatzgebühr zurückzuzahlen oder uns einen zusätzlichen Tag kostenlos auf dem Platz zu gewähren. Der Pächter, ein unsympathischer schmuddeliger Typ, ließ nicht mit sich reden und drohte uns mit der Polizei. Gut, dann sitzen wir es eben aus. In aller Ruhe haben wir gekocht, gegessen und es uns dann für einen langen trüben Nachmittag bequem gemacht. Statt der Polizei kam dann der Pächter und bot uns eine Rückzahlung von 100 Pesos an, das sind fast 20 €, wenn wir den Platz sofort verlassen. Wir waren innerlich schon etwas stolz, dass wir den kleinen Machtkampf gewonnen hatten und packten schnell zusammen. Nichts hielt uns jetzt mehr. Erst beim nächsten Einkauf in einem kleinen Supermarkt wurde uns klar, dass wir die Dummen waren. Der 100-Pesoschein war Falschgeld. Für uns sah er echt aus, mit Wasserzeichen und Silberstreifen, aber die Verkäuferin hat ihn uns sofort zurückgegeben. An einer Tankstelle haben wir es noch mal versucht, aber auch hier wurde der „Falsche“ sofort erkannt. „Dann ist es eben ein Reiseandenken“ sagte ich und legte den Schein in mein Tagebuch.

Zwei Monate später trafen wir Didi und Susanne, ein Schweizer Paar mit drei Jahren Reiseerfahrung in Südamerika - aber nicht nur positiven. Vor einem Jahr wurden sie auf diesem Campingplatz in Mendoza nachts in ihrem Auto überfallen, lebensgefährlich verletzt und ausgeraubt. Wir wollten es nicht glauben, bis sie uns die Narben von den Messerstichen und die Schäden an ihrem Sprinter zeigten - ein Albtraum. Nach Mendoza, dieser schönen Stadt, werden die zwei Schweizer wohl nicht mehr fahren - und wir nach ihren Schilderungen auch nicht.

17.11.2011 – Rund um Córdoba - argentinische Geschichte und deutsche Tradition

Westlich von Córdoba erstreckt sich die Sierra de Córdoba, einer Gebirgskette, die mit dem höchsten Gipfel, dem Cerro Champaqui, sogar 2884 m erreicht. Von Osten steigt das Gebirge sanft an, um dann nach Westen hin wieder steil abzufallen. Genau von dort erreichten wir die Gebirgskette und fuhren über steile Serpentinen bis Mina Clavero. Durch seine zentrale Lage in der Sierra Córdoba und sein angenehmes Klima in 915 m Höhe hat sich der kleine Ort schnell zu einem gefragten Touristenzentrum entwickelt. Besonders seine Lage am Rio Pichana, der sich teilweise tief in den Fels eingeschnitten hat und wild durch diese Canyons fließt, verleiht der Stadt einen einmaligen Reiz. Natürlich ist all das vorhanden, was Argentinier für einen gelungenen Urlaub brauchen: Restaurants aller Preisklassen, Diskotheken, Bars, unzählige Shops und ein großes Spielkasino. Direkt am Flussufer fanden wir einen geeigneten Stellplatz für die Nacht. Gegen 22:00 Uhr klopfte es an unser Wohnmobil und zwei Polizisten standen vor der Tür. Jetzt werden wir bestimmt weggeschickt, war unser erster Gedanke - aber die Polizisten stellten sich freundlich vor und sagten uns, dass sie im Ort Streife fahren und sich für unsere Sicherheit verantwortlich fühlen. Sie würden in der Nacht regelmäßig bei unserem Stellplatz patrouillieren. Mit einem freundlichen „buenas noches“ verabschiedeten sie sich und fuhren in ihrem Streifenwagen davon. Obwohl wir uns in diesem kleinen Ort nicht unsicher fühlten, freuten wir uns über diese nette Geste, die wir übrigens schon mehrfach erlebt haben.

Unsere weitere Fahrt führte uns, vorbei an Stauseen, wilden Flüssen und Wasserfällen, immer weiter in die Córdobaberge hinein. Von den Bergpässen hatten wir tolle Ausblicke auf die umliegenden Täler und am Horizont sahen wir die Millionenstadt Córdoba. Wir entschieden uns jedoch, nicht nach Córdoba zu fahren und bogen stattdessen in südliche Richtung nach Alta Gracia ab. Der kleine Ort wird in allen Reiseführern als einer der geschichtsträchtigsten und angenehmsten Orte der Provinz Córdoba beschrieben. Man plante in den letzten Jahren sogar, den Sitz der Provinzregierung von Córdoba nach Alta Gracia zu verlegen. Ob dies der kleinen historischen Stadt gut getan hätte, ist fraglich. Ihr Charme liegt gerade in der Ruhe und Beschaulichkeit, mit der das Leben hier abläuft. Der Ort entstand um eine bereits 1588 gegründete Estancia, die 1643 von den Jesuiten übernommen und ständig erweitert wurde. Heute ist sie das Herzstück der Stadt und der kulturelle Mittelpunkt. Die Schönheit der Stadt zog viele berühmte Persönlichkeiten an, vom Vizekönig Santiago de Liniers bis zum spanischen Komponisten Manuel de Falla. Letzterem wurde ein Museum gewidmet, wobei der wohl bekannteste Einwohner der Stadt sich auf einem ganz anderen Terrain bewegte. Ernesto Guevara, besser bekannt als Che Guevara, verbrachte hier seine Kindheit und Jugend. Das ehemalige Wohnhaus der Familie Guevara, die Villa Beatriz, wurde zum Museo Casa Ernesto „Che“ Guevara umgebaut. Neben vielen Originaldokumenten, Zeugnissen und Fotos, besitzt das Museum auch sein motorisiertes Rennrad und sein erstes Motorrad, mit dem er als Jugendlicher Südamerika bereiste.

Nach zwei ruhigen Tagen in dieser wundervollen Stadt erlebten wir in Villa General Belgrano das totale Kontrastprogramm. 1932 von deutschen Auswanderern gegründet ist Villa General Belgrano heute in Argentinien berühmt für „deutsche Gemütlichkeit„ - mit Wiener Schnitzel, Bratwurst und Sauerkraut, Apfelstrudel, Dresdner Stollen und viel Bier. In den kleinen Brauereien wird gutes Bier gebraut und in zahlreichen Biergärten ausgeschenkt. Bis weit in die Nacht wurde hier getrunken, gefeiert und manchmal auch gesungen. Jedes Jahr im Oktober erlebt die Stadt ‚den Höhepunkt’. Dann wird hier das größte Bierfest des Landes gefeiert. Es ist das größte Oktoberfest außerhalb Münchens. Etwas enttäuscht waren wir dann doch, als wir den Versprechungen der Speisekarte vertraut haben und die deutschen Spezialitäten Nürnberger Bratwürste und Kassler auf Sauerkraut bestellten. Vieles von der deutschen Tradition ist wohl schon verloren gegangen - übrigens auch die Sprache. In Villa General Belgrano wurde kaum noch Deutsch gesprochen.

27.11.2011 – Buenos Aires - Weltstadt mit Charme und Gegensätzen

Über Buenos Aires wird geschrieben, dass es eine der spannendsten und elektrisierendsten Städte Südamerikas ist. Besonders der Gegensatz zwischen den modernen und piekfeinen Stadtgebieten wie Recoleta oder das am Hafen neu entstandene Puerto Madero und den gewachsenen Arbeitervierteln San Telmo oder La Boca könnte größer nicht sein. Unser Reiseführer beschreibt diese Situation mit den Worten „Hier trifft die Raffinesse eines geschliffenen Diamanten auf den zweifelhaften Charme eines unrasierten Casanovas“. Wir waren gespannt auf diese Stadt und gleichzeitig etwas unsicher - Buenos Aires ist nicht nur das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum, sondern auch die kriminelle Hochburg Argentiniens. Sicher mussten wir hier weniger mit Gewaltkriminalität rechnen als in einigen der schon von uns bereisten Länder, aber Trickbetrug, Diebstähle und Autoeinbrüche sind an der Tagesordnung. In Buenos Aires gibt es kaum sichere Stell- oder Campingplätze und so waren wir froh, dass wir von anderen Reisenden den Parkplatz am Fährterminal empfohlen bekamen, wo wir mit dem Wohnmobil auch über Nacht stehen könnten. Auf der Fahrt in die Stadt sahen wir die ersten Gegensätze zwischen Arm und Reich. Direkt neben der neuen Stadtautobahn, teilweise sogar zwischen den getrennten Fahrspuren, wurden wild und ohne Genehmigung einfache Behausungen gebaut. Die Besitzer hofften darauf, dass sie nicht wieder weggerissen, sondern nachträglich legalisiert werden.

Den großen Obelisken im Visier fuhren wir auf der Avenida 9 de Julio, der angeblich breitesten Straße der Welt, ins Stadtzentrum. Der Stellplatz lag direkt im noblen Stadtviertel Puerto Madero, in unmittelbarer Nähe zum modernen Yachthafen. Schicke hochmoderne Gebäude aus Beton, Stahl und Glas sowie die alten Lagerhäuser, in denen sich jetzt Büros, einige Lofts und vor allem teure Restaurants befinden, dominieren hier das Stadtbild. Unser erster Abend im modernen Teil von Buenos Aires ließ wirklich keine Wünsche offen. Wir spazierten am Yachthafen entlang, tranken auf der Terrasse eines Restaurants ein Glas Rotwein und ließen die vornehme Atmosphäre auf uns wirken. Den Besuch eines typisch argentinischen Steakhauses sparten wir uns für den nächsten Tag auf, denn dann konnte auch unsere Tochter Katharina mit dabei sein.

Das Abholen unserer Tochter vom Airport war wieder ein kleines Abenteuer. Die Parkplätze sind nicht für Wohnmobile geeignet und dann hatte ich auch noch vergessen im Internet nachzusehen, in welchen Terminal der Flug abgefertigt wird. Es ging aber alles ganz gut, und obwohl wir im Halteverbot parkten hatte sich diesmal niemand dran gestört. Es ist immer ein ganz besonderer Moment, wenn wir unsere Kinder nach langer Zeit wieder sehen, und auch diesmal war es wieder so schön, unserer Tochter in die Arme zu nehmen und uns auf zwei gemeinsamen Wochen zu freuen.

Die Rückfahrt nach Puerto Madero haben wir zu einer kleinen Stadtrundfahrt ausgedehnt und am Nachmittag besuchten wir den sonntäglichen Antiquitäten- und Flohmarkt in San Telmo. Er ist eine Attraktion in Buenos Aires, aber nicht nur wegen den von verschiedensten Waren überquellenden Verkaufsständen. Die typische Atmosphäre und die interessanten und oft auch originellen Menschen machten den Reiz aus. Schon entlang der Defensa drängten sich die Händler, wer keinen Verkaufstisch hatte, breitete seine Waren auf einer Decke auf dem Boden aus. Die Straßencafés waren gut besucht und bei einem Cortado (Milchkaffee) konnten wir das Treiben am besten beobachten. Je näher wir dann zur Plaza Dorrego kamen, umso lauter, hektischer und bunter wurde der Markt. Straßenbands und Gaukler wetteiferten um die Gunst der Passanten und natürlich auch um einige Pesos, für die sie sich auch während des Spiels bedankten.

Die Plaza Dorrego selbst war aber für das, was Buenos Aires berühmt gemacht hat - den Tango - reserviert. Unter alten Schatten spendenden Bäumen wurde spontan Tango getanzt und jeder, der etwas konnte oder glaubte etwas zu können zeigte es hier in aller Öffentlichkeit. Sicher ist das Niveau nicht dasselbe, wie in den sündhaft teuren, speziell für Touristen angebotenen Tangoshows, dafür war es absolut authentisch und zeigte die Lebensfreude der Porteños, wie sich die Bewohner von Buenos Aires selbst nennen. Kathis erster Tag in Argentinien war auch ihr Geburtstag, und so haben wir diesen erlebnisreichen Bummel durch San Telmo in einem zünftigen Parrilla-Restaurant ausklingen lassen.

Am nächsten Tag war noch mal ein Kontrastprogramm angesagt. Der Besuch des Microcentro, des eigentlichen Stadtzentrums, gehörte natürlich zum Pflichtprogramm. Hier stehen europäische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert neben modernen Bank- und Geschäftshäusern. Die zentrale Plaza de Mayo wird vom Museo del Cabildo, der klassizistischen Catedrale Metropolitan und der Casa Rosada, dem Präsidentenpalast, gesäumt. 1873 ließ Präsident Sarmiento rote und weiße Farbe, die Symbole der verfeindeten Lager, mischen und den Präsidentenpalast rosa anstreichen. Die Farbe gab dem Palast seinen Namen - sie soll die Einheit Argentiniens symbolisieren.

Argentinische Politik und politische Widersprüche wurden und werden auch heute noch auf der davor liegenden Plaza de Mayo ausgetragen. Hier wurde die Unabhängigkeit von Spanien verkündet, hier hielt Evita Peron zündende Reden und 1982 wurde hier der Beginn des Falklandkrieges bejubelt. Während der Militärdiktatur wurden mutige Demonstrationen durchgeführt und bis heute vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht eine politische Gruppe vor dem Präsidentenpalast Aufmerksamkeit verschafft.

In La Boca hatte man andere Sorgen. Im 19. Jahrhundert siedelten sich hier vorwiegend ärmere italienische Einwanderer an, und auch heute gehört dieser Bezirk zu den ärmsten der Stadt. Der Reiz, den La Boca auf viele Besucher von Buenos Aires ausübt, ist in seiner Ursprünglichkeit begründet. Die wellblechverkleideten Häuser sind knallbunt angestrichen und erlangten damit eine gewisse Berühmtheit. Immer mehr Touristen besuchten dieses Stadtviertel und mit den Touristen kam eine entsprechende Infrastruktur - Restaurants, Bars, Kneipen und Läden. Die El Caminito wurde zur Touristenmeile, aber schon einen Block abseits sahen wir Armut und Verfall. Die meisten Bewohner von La Boca kämpfen täglich ums Überleben. So verwundert es auch nicht, dass es vor allem nachts immer wieder Überfälle auf Touristen gibt.

08.12.2011 – An der Atlantikküste - Wale, Pinguine und mehr

Nach den heißen Tagen in Buenos Aires freuten wir uns auf die Fahrt entlang der Atlantikküste. Wir fuhren durch kleine verschlafene Fischerdörfer und durch Mar del Plata, dem größten Urlaubsort Argentiniens mit über 2 Millionen Besuchern während der Hochsaison. Wir waren fasziniert vom exklusiven Cariló, einem Seebad für die oberen Zehntausend, und überrascht, wie ausgestorben einige Badeorte außerhalb der Hochsaison waren. In Villa Gesell lösten wir ein Versprechen aus Panama ein. Damals trafen wir Tea, eine nette Argentinierin, der wir versprachen, bei ihr vorbei zu kommen, wenn wir in der Nähe sind. Tea spricht ausgezeichnet Deutsch, und so verging der Nachmittag viel zu schnell, mit aufschlussreichen Diskussionen über Argentinien und die aktuelle Situation im Land. Immer wieder hörten wir, dass die übertrieben soziale Politik der Präsidentin, die besonders die Erwerbslosen und Armen mit Geldleistungen unterstützt, hemmend für das Land sei. Viele Argentinier lebten lieber von einem Sozialplan, als sich Arbeit zu suchen.

Südlich von Bahía Blanca wurde die Strecke dann wieder eintönig, Hunderte Kilometer nur Wind und Pampa. Wir fuhren flott und ohne viel Aufenthalt, unser Ziel waren die einmaligen Tierkolonien an der südargentinischen Atlantikküste. In La Loberia dann das erste Highlight, bis zu 2000 Seelöwen leben in einer Kolonie am Strand. Leider war das dazugehörige Visitor- und Besucherzentrum geschlossen. Was nun? Wir hatten ja schon mehrere Seelöwenkolonien gesehen, aber Kathi hatte sich so darauf gefreut. Das kleine Tor war kein wirkliches Hindernis und nach wenigen Metern standen wir an der Steilküste und konnten von oben unzählige Seelöwen beobachten. Sieht man ihre schwerfällige Fortbewegung an Land, dann will man kaum glauben wie schnell und geschmeidig sie sich im Wasser bewegen und mit dem Maul Fische fangen. Hunderte von ihnen waren gleichzeitig auf Nahrungssuche in der Atlantikbucht - es ist unglaublich, welchen Fischreichtum es hier noch gibt. Interessant waren auch die Drohgebärden und die teilweise blutigen Machtkämpfe der Bullen um die Vorherrschaft im Harem. Selbst die heranwachsenden Bullen imitierten diese Kämpfe, bei ihnen war es jedoch noch ein Spiel.

Unser nächstes Ziel war die Halbinsel Valdes, hier wollten wir Wale beobachten. Die riesigen Meeressäuger halten sich zwischen Oktober und Mitte Dezember in den warmen Gewässern um die Halbinsel auf und bringen dort ihre Jungen zur Welt. Etwas enttäuscht waren wir, als uns ein Rancher im Visitorcenter sagte, dass keine Wale mehr da sind. „Dann hat es auch keinen Zweck, eine teure Whale-Watching-Tour zu buchen“ meinte Kathi. Einen Tipp von zwei Deutschen folgend fuhren wir in eine Bucht, nahe dem Hauptort Puerto Piramíde, wo es auch erlaubt war, im Wohnmobil zu übernachten. Am Strand standen einige Touristen und beobachteten ganz angestrengt die Bucht - und dann sahen wir sie auch. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt lag, lang und groß wie ein riesiger Baumstamm, ein Wal im Wasser. Ein Walbaby schwamm daneben, tauchte immer wieder auf und prustete Wasser in einer Fontäne in die Luft. Mindestens 30 Minuten lag die Walkuh ruhig im Wasser und beobachtete das ausgelassene Umhertollen ihres Nachwuchses, dann setzte sich immer wieder eine freche Möve auf ihren Rücken und pickte darauf herum. Die Walkuh wurde aktiv, sie tauchte unter, kam dann, eine Wasserfontäne ausblasend wieder nach oben und zeigte dabei ihre wirkliche Größe. 16 Meter lang und bis zu 54 Tonnen schwer kann so ein Bartenwal werden, und ich glaube, wir hatten ein solches Prachtexemplar vor uns. Jeder am Ufer hielt die Luft an oder unterhielt sich nur im Flüsterton. Mit tiefen Tönen, die aus einem riesigen Resonanzkörper zu kommen schienen, verständigten sich die Wale untereinander. Als ob sie uns noch eine kleine Abschiedsvorstellung geben wollten, zogen sie ein letztes Mal ganz nahe am Ufer vorbei und zeigten uns ihre mächtigen Schwanzflossen, ehe sie langsam und majestätisch in die Bucht hinaus schwammen. Noch Stunden danach waren wir sprachlos und tief beeindruckt, wir hatten ein Wunder der Tierwelt in freier Natur erlebt. Es war die eindrucksvollste Tierbeobachtung unserer bisherigen Reise.

Etwas ganz anderes erlebten wir in Punta Tombo. Diesmal waren die Tiere kleiner, viel kleiner, nur etwa 60 Zentimeter groß, dafür waren es unfassbar viele. Wir waren zu Besuch in einer Pinguinkolonie, südlich von Valdes. An der argentinischen Atlantikküste gibt es mehrere solcher Kolonien, aber die in Punta Tombo ist die größte. 700.000 Magellanpinguine nisten hier für sechs Monate, sie bringen ihre Jungen zur Welt und ziehen sie auf, bis sie flügge sind. Im März werden es dann über 1 Million Pinguine sein, die nach Norden, vor die brasilianische Küste schwimmen und dort ein halbes Jahr ausschließlich im Meer leben.

Auf abgegrenzten Wegen liefen wir durch die Kolonie und wundern uns, wie wenig scheu die Pinguine waren. Oftmals mussten wir stehen bleiben, denn die Pinguine hielten sich nicht, so wie wir, an ihre Wege und dann hatten sie natürlich „Vorfahrt“. Es war so putzig, wie die kleinen Vögel in ihrem Frack vor uns herwatschelten und dabei so ungeschickt waren, dass sie über Steine stolperten oder sich gegenseitig umrempelten. Wir fragten uns, wie die Tiere ihr eigenes Nest wieder finden. Hier stand Strauch an Strauch, Erdloch an Erdloch und überall saßen und brüteten Pinguine. Manchmal schien es uns so, als ob sie ihr Nest suchten. Sie liefen in eine bestimmte Richtung, ließen den Blick schweifen und drehten sich dann auf dem „Absatz“ um. Wir konnten uns das Schmunzeln nicht verkneifen. Beim Anblick dieser unzähligen Tiere, die ohne Scheu um uns herum spazierten, musste ich daran denken, welchen Aufwand wir vor einigen Wochen betrieben hatten, um nur einige wenige Tiere zu sehen. Auf Chiloe fuhren wir extra mit einem Boot zu einer kleinen Insel und waren glücklich, drei oder vier Pinguine von der Ferne zu sehen und einige unscharfe Fotos zu machen, und hier – es war wieder ein Naturwunder, welches wir mit eigenen Augen sehen und erleben konnten.

20.12.2011 – Feuerland - weiter südlich geht es nicht

Über 1500 Kilometer waren es noch bis Feuerland. Wir fuhren auf der Ruta 3 durch spärlich besiedeltes Gebiet, nur einige kleine Städte lagen an der Strecke und brachten etwas Abwechslung in die eintönige Fahrt. Comodoro Rivadavia war da eine Ausnahme. Ursprünglich nur als Hafen für die Verschiffung der landwirtschaftlichen Produkte geplant entwickelte sich Comodoro Rivadavia, nachdem in der Gegend Erdöl gefunden wurde, zur größten Stadt im südlichen Patagonien. Heute kommen über 30 Prozent des argentinischen Erdöls aus dieser Gegend. Schön ist sie nicht, diese schnell gewachsene Stadt, die vor allem in den Randgebieten aus alten baufälligen Häusern besteht. Im Zentrum der Stadt ist dagegen alles vorhanden, was die gut verdienenden Erdölarbeiter brauchen, um ihr Geld auszugeben. Einkaufszentren, Supermärkte, unzählige Autohäuser und ein großes Spielkasino stehen hier, aber alles ist recht unstimmig zusammengewürfelt und ohne einen eigenen städtischen Charakter.

Von dem kleinen überschaubaren Flughafen in Comodoro Rivadavia ist unsere Tochter dann nach Deutschland zurückgeflogen und wir haben uns durch den patagonischen Wind und die Einsamkeit der Pampa weiter nach Süden gekämpft.

Nur wenige Kilometer vor der Magellanstraße, die Feuerland vom Festland trennt, mussten wir wieder nach Chile einreisen. Der argentinische Teil Feuerlands und Ushuaia waren nur so zu erreichen. Die schlechten Erinnerungen an unsere erste Einreise nach Chile und die Probleme, die wir mit der chilenischen Gesundheitsbehörde wegen Basko hatten, waren uns noch gegenwärtig. Diesmal lief aber alles problemlos ab, unser europäischer Tierpass und die darin vermerkten Impfungen genügten den Beamten - und uns fiel ein Stein vom Herzen.

Die Fähre schwankte leicht, als wir die Magellanstraße an ihrer engsten Stelle überquerten. Delfine begleiteten unser Fährschiff und eine halbe Stunde später fuhren wir bei Sonnenschein und absoluter Windstille von Bord. Irgendwie hatten wir es uns anders vorgestellt. Schon der Name Feuerland löste in uns Assoziationen aus wie Kälte, Regen, Schneeschauer, Finsternis und Sturm. Vor fast 500 Jahren, am 1. November 1520, war ein furchtbarer Sturm der Auslöser dafür gewesen, dass Magellan die nach ihm benannte Ost-West-Passage entdeckte. Zwei seiner Schiffe wurden in eine Bucht getrieben, die sich dann im weiteren Verlauf als Durchfahrt vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean erwies. Auf dem Land südlich des Kanals sah er nachts Rauch und Feuer und nannte es „Tierra del Fuego – Land des Feuers“. Anders als wir hat Magellan Feuerland niemals betreten.

Noch 40 km fuhren wir auf der neuen Straße bis zum chilenischen Erdölcamp Cerro Sombrero, wo wir direkt auf der kleinen Plaza übernachteten. Der nächste Tag brachte Veränderungen. Nicht nur das Wetter zeigte sich typisch „feuerländisch“ mit Nebel, stürmischem Wind und Schneeschauer, auch die neue Straße endete 5 Kilometer hinter Cerro Sombrero und die 120 km bis zur argentinischen Grenze rumpelten wir über eine grobe Schotterpiste. Auf der argentinischen Seite Feuerlands hatten wir dann endlich wieder Asphalt unter den Rädern. Je weiter wir nach Süden kamen, umso mehr ging die bisher vorherrschende Pampa in eine Landschaft mit Bergen, Wäldern und Seen über. Was von Weitem noch wie eine gesunde Gebirgslandschaft aussah, zeigte sich bei näherer Betrachtung als eines der kritischsten Probleme auf Feuerland. Weite Waldflächen standen unter Wasser, die Bäume waren kahl und überwiegend abgestorben. Grund dafür war die unkontrollierte Vermehrung des kanadischen Bibers, der hier angesiedelt wurde und keine natürlichen Feinde hat.

Bei Schneefall und Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt erreichten wir Ushuaia - die südlichste Stadt der Welt. Ihre Lage, direkt am Beagle-Kanal, umgebenen von Gletschern und schneebedeckten Bergen, ist einmalig. Die Stadt selbst ist aber eine zu schnell gewachsene Ansiedlung aus einfachen Holzhäusern, Provisorien und einer sehr touristisch aufgepeppten Innenstadt. Von „bunt und lebhaft“ bis zu „heruntergekommen und schmutzig“ reichte die Meinungsvielfalt ihrer Besucher. Für uns machte gerade dieser Gegensatz den Reiz Ushuaias aus, und in der südlichsten Stadt der Welt kann man auch mal ein Auge zudrücken. Hoch über der Stadt liegt der Gletscher Martial, von dem wir einen grandiosen Blick über den Beagle-Kanal bis zu den Bergen der chilenischen Isla Navarina hatten, auf der sich die südlichste Siedlung der Welt, Puerto Williams, befindet. Nach Puerto Williams kann man nicht mit dem Auto fahren. Der südlichste, auf einer Straße erreichbare Punkt ist die Bahia Lapataia, etwas südwestlich von Ushuaia im Nationalpark Tierra del Fuego gelegen. Auf dem Weg dorthin passierten wir den südlichsten Golfplatz der Welt, den südlichsten Bahnhof und die südlichste Polizeistation.
Und dann ging es nicht mehr weiter – wir hatten das Ende der Ruta 3 und den südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Auf der Infotafel stand, dass Alaska ‚nur’ 17.848 Kilometer entfernt ist. Wir haben für diese Strecke fast zweieinhalb Jahre und über 80.000 Kilometer gebraucht.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Hobby heute: Über den Äquator gen Süden

Leider ist der Artikel schlecht lesbar, weil zu klein. Ich hab diesbezüglich einige Rückfragen erhalten. Tut mir leid, aber die Auflösung gibt nicht mehr her. Ich stelle deshalb den Text noch mal in der unredigierten Version ein.

Über den Äquator gen Süden

Wir, Petra und Bernd Hiltmann, haben uns einen Traum erfüllt. Wir bereisen mit unserem Hobby Siesta 650 die Panamericana von Alaska bis nach Feuerland. Im Mai 2009 sind wir in Halifax gestartet und haben mittlerweile über 90.000 Kilometer auf dem amerikanischen Doppelkontinent zurückgelegt. Dabei erlebten wir die einzigartige Natur und Tierwelt, die indigenen Hochkulturen und viele spannende und abenteuerliche Situationen, aber auch manches kleinere Problem musste gelöst werden. Eine Herausforderung, die uns etwas an die Nerven ging, war die Verschiffung unseres Wohnmobils von Panama nach Kolumbien.

Seit neun Tagen saßen wir nun schon in diesem Hotel in Cartagena (Kolumbien) fest. Jeden Tag riefen wir bei der Verschiffungsagentur und im Hafen an und erhielten immer die gleiche Antwort, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Die „Haneburg“ mit unserem Hobby an Bord war noch nicht im Hafen von Cartagena eingelaufen. Langsam machten wir uns ernste Gedanken. Wie war das gleich mit Murphys-Gesetz: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“. Plötzlich sahen wir in den kleinen Unregelmäßigkeiten auf unserem Weg von Zentral- nach Südamerika eine unheilvolle Sequenz negativer Ereignisse.

Mit großem Aufwand hatten wir in Panama für unseren Basko (Golden Retriever) ein zusätzliches Gesundheitszertifikat beschafft und es noch am Wochenende von der zuständigen Regierungsstelle bestätigen lassen. In Colon hatte ich mich dann auf der Fahrt zum Atlantikhafen total verfahren und wurde in den Slums der Stadt von mehreren Jugendlichen attackiert, die dann das Wohnmobil mit Steinen beworfen haben. Im Hafen angekommen konnte ich das Wohnmobil nicht selbst auf die Transportplattform (Flatrack) fahren und die Verankerung überprüfen, weil das Schiff zur Reparatur in der Werft lag und noch keine Plattform verfügbar war. So musste ich unseren Hobby im Hafengelände abstellen und die Schlüssel an den Spediteur übergeben.

Dann glaubten wir, dass auf dem kurzen Flug nach Kolumbien nicht mehr viel schief gehen kann - aber weit gefehlt. Zuerst wollte uns die Fluggesellschaft ohne ein Weiterreiseticket nicht nach Kolumbien fliegen. Dann hatte unser Flug über fünf Stunden Verspätung, und als wir endlich in Cartagena ankamen, war unser Basko verschollen. Man hatte vergessen, ihn in Bogota umzuladen. Alles für sich gesehen nur kleine Probleme, uns kam es aber plötzlich wie ein böses Omen vor.

Der Atlantik tobte an diesen Tagen mit meterhohen gischtgekrönten Wellen. Uns beschäftigte die Frage, wie stark die Dezemberstürme das Containerschiff zum Schlingern bringen und ob unser Wohnmobil auch noch richtig verzurrt und verankert ist. Die Plattformen müssen, aufgrund der Übermaße, auf allen anderen Containern ganz oben stehen, genau dort, wo das Schiff am meisten schwankt und rollt. Bilder von Schiffen mit umgestürzten oder über Bord gegangenen Containerstapeln gingen uns durch den Kopf. Nein, es wird schon nichts passiert sein! Bisher war doch auf unserer Reise alles gut gegangen.

In Gedanken resümierten wir noch mal die Zeit in Zentralamerika. Nach sechs Monaten Mexiko sind wir in die bunte indigene Welt Guatemalas eingetaucht. Die buntesten Märkte, die ursprünglichsten Rituale und der schönste See der Welt, so die Meinung von Alexander von Humboldt zum Atitlansee, haben uns fasziniert und das historische Antigua hatte uns fast vier Wochen in seinen Bann gezogen. Dabei waren die klimatischen Bedingungen äußerst kritisch. Durch die stärksten Regenfälle seit vielen Jahren wurden ganze Dörfer verschüttet, Zehntausende Menschen waren obdachlos geworden und wichtige Zufahrtsstraßen einfach weggespült. Aber weder Naturkatastrophen in Guatemala, korrupte Polizisten in Honduras, bedrückende Armut in Nicaragua oder die hohe Kriminalität in den Slums von Panama konnte uns davon abhalten, die Schönheiten der jeweiligen Region zu sehen, die Freundlichkeit der Menschen zu spüren und unsere Traumreise mit allen Sinnen zu genießen. Positives Denken war gefragt und auch die Verschiffung unseres Wohnmobils von Panama nach Kolumbien wird positiv ablaufen. Mit dieser Überzeugung riefen wir am nächsten Morgen wieder im Hafen an und erfuhren, dass unser Wohnmobil zur Abholung bereitsteht. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Fast einen ganzen Tag hat es noch gedauert, bis wir die aufwendigen Formalitäten erledigt hatten und dann waren wir endlich wieder komplett. Noch am selben Tag zogen wir aus dem Hotelzimmer in unser rollendes Zuhause und schliefen, so gut wie schon lange nicht mehr, wieder im eigenen Bett. Der nächste Tag war Weihnachten und die gelungene Überfahrt nach Kolumbien war unser schönstes Weihnachtsgeschenk. Jetzt konnten wir unsere Reise wie geplant in Südamerika fortsetzen.

Positives Denken hatte uns bisher immer weitergeholfen und dieses positive Denken war auch der Grund dafür, dass wir uns von den vielen negativen Stimmen über Kolumbien nicht davon abbringen ließen, dieses Land ausgiebig zu bereisen. Wunderbare Natur, authentische Kolonialstädte sowie die überaus gastfreundlichen Menschen waren es wert, in Kolumbien mehr als nur ein Transitland zu sehen. Sicherlich hat Kolumbien noch massive Probleme mit der Terrororganisation FARC, aber die Sicherheitslage in den Städten und auf den großen Verbindungsstraßen war ziemlich unproblematisch. Zu keinem Zeitpunkt haben wir uns unsicher gefühlt, niemals waren wir in eine kritische Situation gekommen.

Letzteres galt ebenso für Ecuador und Peru, zwei Länder, die sich in vielen Dingen grundsätzlich unterscheiden. Ecuador vereint die Vielfalt eines ganzen Kontinent auf seinem Territorium. Obwohl es zu den kleineren Ländern Lateinamerikas zählt, besitzt es weitläufige Küstengebiete, Hochgebirge mit eindrucksvollen Vulkanen, Dschungel und Regenwald sowie das Naturhighlight Südamerikas, die Galapagosinseln. In Ecuador haben wir uns sehr wohl gefühlt, nicht zuletzt, weil das Land auf uns einen, für südamerikanische Verhältnisse sauberen und geordneten Eindruck machte.

Ein völliges Kontrastprogramm zu Ecuador erlebten wir dann in Peru. Besonders der Norden des Landes war geprägt von Schmutz, Armut und Verfall. Aber dann zog uns auch dieses Land mit seiner einmaligen Inkakultur in seinen Bann. Cusco, Machu Pichu und der Titicacasee waren einmalige Erlebnisse und weitere Höhepunkte unserer Reise. Entlang des Titicacasees erreichten wir Bolivien und entgingen knapp den gewalttätigen Protesten, die sich in der peruanischen Grenzregion gerade ausweiteten. Höhenlagen zwischen 3000 und knapp 5000 Meter Höhe waren für uns gewöhnungsbedürftig, dafür entschädigte uns aber die einmalige unberührte Natur im Altiplano und die unendliche Weite des Salar Uyuni, der größten Salzwüste der Welt.

Zwei Länder, Chile und Argentinien, waren jetzt noch zu durchqueren, um den südlichsten Punkt unserer Reise, die argentinische Stadt Ushuaia, zu erreichen. Beide zählen zu den modernsten, sichersten und auch vielfältigsten Ländern Lateinamerikas. Hier, im Süden des Doppelkontinents, wiederholte sich manches, was wir von Kanada und Alaska kannten. Malerische Seen, schneebedeckte Berge und Gletscher, aber auch die kleinen idyllischen Städte mit ihren Holzhäusern kamen uns irgendwie bekannt vor. Die Weite der patagonischen Pampa war faszinierend, Entfernungen haben hier eine andere Dimension. Zwischen zwei Orten liegen schon mal 300 km Fahrstrecke, bis zur nächsten Kfz-Fachwerkstatt können es auch mal 1000 km sein. Da ist es ganz wichtig, dass wir uns auf unser Wohnmobil absolut verlassen können. Unser Hobby hat uns noch nie im Stich gelassen. Seine Zuverlässigkeit ist schon fast sprichwörtlich, dabei kennt er bisher die amerikanischen Werkstätten nur vom Öl- und Reifenwechsel.
Einige Reisetage liegen nun noch vor uns, bevor wir Anfang Mai 2012 unser Wohnmobil von Buenos Aires zurück nach Hamburg verschiffen werden, aber schon heute können wir sagen, dass unsere Reise auf der Panamericana ein einmaliges Erlebnis in unserem Leben darstellt. Mit der Fähigkeit, über bestimmte Unzulänglichkeiten hinweg zu sehen und keine falschen Maßstäbe anzuwenden, mit Offenheit für andere Kulturen und Lebensweisen, mit Toleranz und positivem Denken hat sich uns ein Kontinent erschlossen, der landschaftlich und kulturell zu den schönsten und interessantesten auf unserer Erde zählt.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Unser neuester Bericht im Reisemagazin "Hobby heute"

Wenn die Darstellung zu klein ist, dann hilft ein Mausklick auf das jeweilige Bild.

Viel Spaß beim Lesen!!
















Samstag, 24. Dezember 2011



Wir wünschen allen Freunden, Verwandten, Bekannten und den Lesern unseres Blogs ein besinnliches Weihnachtsfest und ein erfolgreiches und glückliches neues Jahr!


Unser vorerst letztes Weihnachtsfest in der Fremde verbringen wir in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Hier treffen sich viele Amerikafahrer und es ist eine recht bunte und internationale Gemeinschaft.

Nach einigen Tagen auf Feuerland werden wir dann wieder nordwärts ziehen.

Der chilenische Nationalpark Torres del Paine, der Perito Moreno-Gletscher und der Cerro Fitz Roy werden unsere nächsten Ziele sein. Die Reiseberichte von Argentinien sind schon bald in Arbeit und können dann hier nachgelesen werden.

Donnerstag, 17. November 2011

21.08.2011 – 18.10.2011: Zentral- und Südchile – Wälder, Seen und Naturgewalten


24.08.2011 – In den fruchtbaren Andentälern

Je weiter wir nach Süden kamen, umso mehr war die bisher karge Wüste mit Kakteen, Sträuchern und anspruchslosen Bodenpflanzen durchsetzt. Dann wurde die Vegetation immer dichter, grüner und üppiger. Das wechselfeuchte subtropische Klima und die wasserreichen Flüsse, die aus den Kordilleren talwärts flossen, haben wundervolle Vegetationsoasen geschaffen. Obst und Wein gedeihen in diesen fruchtbaren Tälern am besten und während das Obst meist getrocknet wird, produziert man aus dem süßen vollmundigen Wein den besten Pisco des Landes.

Im Valle de Elqui und im oberen Huasco-Tal stehen die großen Destillerien, die für ihre Spitzenprodukte Capel, Mistral und Alto del Carmen bekannt sind. Noch delikater, aber auch wesentlich teurer, sind die in kleinen Familienbetrieben handwerklich und traditionell hergestellten Pisco-Brände, welche man bis zu 15 Jahren in Eichenholzfässern reifen lässt.

Die Gegend nordöstlich von La Serena ist jedoch nicht nur für benebelnde hochprozentige Spirituosen bekannt, sondern auch für ihre klare und saubere Luft in Höhenlagen zwischen 2000 und 2500 Metern. Die Inversionsschicht des Küstennebels hält alle störenden Staubpartikel fest und garantiert an 350 Tagen im Jahr einen fantastischen Sternenhimmel. So verwunderte es nicht, dass auf vielen Bergen die Kuppeln von riesigen Observatorien zu sehen waren, drei der weltweit wichtigsten befinden sich in dieser Gegend. So steht auf dem Berg La Silla ein Observatorium des europäischen ESO-Projektes (ESO - European Southern Observatory). Leider konnten wir diese technischen Wunder nicht besuchen, monatelange Voranmeldung und eine beschwerliche Anfahrt haben uns eine Besichtigung unmöglich gemacht.

Bei Vacuña gibt es das kleine Observatorium Mamalluca, in dem nächtliche Führungen zur Himmelsbeobachtung angeboten wurden. Wir erlebten eine absolut interessante astronomische Präsentation und konnten die Planeten, unsere Milchstraße und sogar eine abklingende Supernova beobachten. Diese Tour hat uns begeistert und unser Interesse an der Himmelsbeobachtung neu geweckt.

Auf der Weiterfahrt in Richtung Santiago mieden wir die autobahnähnlich ausgebaute Ruta 5, wo es nur ging. Das Fahren auf dieser Schnellstraße war nicht nur langweilig, sondern auch teuer. Alle 70 bis 80 km befand sich eine Mautstelle, und die Gebühr war unmoralisch hoch. Da unser Ford Transit Zwillingsreifen hat, mussten wir den teuren Lkw-Tarif, jeweils fast acht Euro, bezahlen. Hinter Los Vilos gab es endlich wieder eine küstennahe Alternativstrecke, auf der wir durch kleine Küstenorte bis Viña del Mar und weiter nach Santiago fuhren.

03.09.2011 – Santiago – hier schlägt das Herz Chiles

Von Westen her erreichten wir Santiago de Chile. Während wir noch durch die ruhigen Vororte fuhren, sahen wir schon das moderne Zentrum der Hauptstadt mit seinen Hochhäusern und der dahinter aufragenden schneebedeckten Bergkulisse der Anden. Es war einer der wenigen Tage, an dem Santiago smogfrei war. Wie viele andere Großstädte in Lateinamerika hat auch Santiago mit Überbevölkerung und der damit einhergehenden massiven Luftverschmutzung zu kämpfen. Im Großraum Santiago leben über 6 Millionen Menschen, rund 40 % der chilenischen Bevölkerung. Um den Individualverkehr etwas einzudämmen, sind die großen Ausfallstraßen und Stadtautobahnen mautpflichtig. Es wird ein automatisches Mautsystem eingesetzt, welches das Kennzeichen liest und dann den Mautbetrag auf einem Konto verbucht. Ob wir als Ausländer auch bezahlen müssen und wie das dann abläuft, haben wir nicht ermitteln können. Mit unserem „ALEMANIA“ an der Front waren wir anonym unterwegs, sind quer durch die ganze Stadt zum Flughafen gefahren und haben nichts bezahlt. Vielleicht war es eine ausgleichende Gerechtigkeit für die Abzocke auf der Panamericana.

Pünktlich 9:00 Uhr landete die Maschine aus Madrid und kurze Zeit später kam unsere Sohn Felix, vom langen Flug sichtlich übermüdet und abgekämpft, durch die Passkontrolle auf uns zu. Nach über einem Jahr konnten wir unseren Großen wieder in die Arme nehmen und uns auf drei gemeinsame Urlaubswochen freuen. Etwas außerhalb des Flughafens frühstückten wir erstmal ausgiebig, tauschten Neuigkeiten aus und besprachen die geplante Reiseroute. Als Erstes wollten wir uns Santiago ansehen.

Von anderen Reisenden hatten wir erfahren, dass es am Fuße des Cerro San Cristóbal einen bewachten Parkplatz gibt, auf dem wir recht sicher stehen könnten. Der Tipp war gut und der Platz beim Park Metropolitano ein idealer Ausgangspunkt, um die Stadt und auch den Cerro San Cristóbal zu erkunden. Der San Cristóbal ist die höchste Erhebung in der Stadt und auf seinem Gipfel thront ein Wahrzeichen Santiagos, die 22 m hohe Statue der Jungfrau Maria – ein Geschenk Frankreichs aus den 1920er Jahren. Auf dem Berg befinden sich einige Restaurants, Imbissstände und Grillplätze. Es ist eines der beliebtesten Ausflugsziele in Santiago und wir fühlten uns hier wie auf einem Volksfest - überall wurde gegrillt, gegessen, gespielt und gelacht. Leider war der Himmel bewölkt, die Sicht auf die Stadt sehr schlecht und dann fing es auch noch zu regnen an. Das geht ja gut los, dachte ich und hoffte, dass uns keine drei Wochen Regen bevorstehen. Die ganze Nacht trommelte der Dauerregen auf unser Wohnmobildach, aber am nächsten Morgen war alles vergessen. Die Sonne lachte und die Luft war sauber und klar - also beste Voraussetzungen für eine Stadtbesichtigung.

Die moderne Metro brachte uns schnell zur Station Santa Lucia. Gleich neben der Metrostation erhebt sich der kleine Cerro Santa Lucia. Hier wurde Santiago im Jahre 1541 gegründet. Der Hügel hatte bis ins 19. Jahrhundert eine wichtige strategische Bedeutung und wurde dann zu einem Park umgestaltet, der heute zu den schönsten Plätzen in Santiago zählt. Über eine monumentale neoklassizistische Treppe bestiegen wir den kleinen Berg. Von oben hatten wir den besten Überblick über die Stadt. Santiago hat kaum historische Gebäude. Die Stadt wurde, wie das ganze übrige Land auch, regelmäßig von Erdbeben heimgesucht, sodass heute kaum ein Gebäude älter als 150 Jahre ist. Auch das mangelnde Interesse der spanischen Krone an Chile, es gab hier weder Silber noch Gold, war ein weiterer Grund für das Fehlen eines historischen Stadtkerns.

Der in den 1930er Jahren begonnene Stadtumbau zu einer modernen industrialisierten Metropole hat aber auch unbestritten seinen Reiz. Fußgängerzonen und weitläufige Grünanlagen liegen zwischen den belebten Hauptstraßen. An der Plaza de Armas, dem zentralen Platz in Santiago, trifft man sich zum sonntäglichen Plausch oder zum Kaffeetrinken. Das geruhsame Tempo steckte an, wir saßen in der Frühlingssonne und ließen das bunte Leben auf der Plaza auf uns wirken.

Ein Muss bei jeder Stadtbesichtigung ist der Palacio de la Moneda - der Präsidentenpalast. Vieles in der jüngeren chilenischen Geschichte ist mit diesem Palast verbunden. Am 11. September 1973 war er der Schauplatz des blutigen Staatsstreiches gegen Allende. Das Gebäude wurde bombardiert und Allende beging hier Selbstmord. Erst im Jahre 2000 öffnete der neu gewählte Präsident Lagos, als eine seiner ersten Amtshandlungen, die Moneda wieder für das chilenische Volk.

Auf unserem Rückweg besuchten wir noch die berühmte Markthalle Santiagos, eine in England gefertigte Konstruktion aus Stahl und Glas. Im Bauch von Santiago, wie die Markthalle im Volksmund auch genannt wird, reihte sich eine gehobene Fischgaststätte an die andere. Es wirkte alles richtig exklusiv. Nur an ganz wenigen Marktständen wurde noch Obst, Gemüse oder frischer Fisch verkauft. Wir freuten uns auf ein leckeres Abendessen in einem der Fischrestaurants, was dann aber doch eher eine Enttäuschung wurde. Während Seeaal und Schwertfisch recht ordentlich zubereitet waren, hatte Petra Pech. Ihr gegrillter Lachs stank schon von Weitem und verdarb uns allen den Appetit. Es war ein unschöner Abschluss eines sonst sehr schönen Tages und unser Entschluss stand fest: Wir werden in Zukunft auf teure Gaststättenbesuche verzichten. Der von Petra im Wohnmobil gebrutzelte Fisch kann es jederzeit mit dem aus den besten Fischrestaurants aufnehmen.

08.09.2011 – Valparaiso und Viña del Mar – zwei ungleiche Schwestern

Von Santiago fuhren wir zurück an die Küste. Valparaiso und Viña del Mar waren unsere nächsten Ziele. Die beiden Orte haben jeweils annähernd 300.000 Einwohner, dies und ihre benachbarte Lage an der Bahia Valparaiso sind jedoch die einzigen Gemeinsamkeiten, die wir erkennen konnten.

Valparaiso hat wohl seine besten Tage schon hinter sich, waren unsere ersten Gedanken, als wir durch die ärmlichen Vororte fuhren. Unser Reiseführer bezeichnete Valparaiso als eine der schönsten Städte der Welt, als kulturelle Hauptstadt des Landes mit einer einmaligen Kolonialzeitarchitektur - aber wir sahen nur Schmutz, Verfall und Armut. Die Plaza Sotomayor, der Hauptplatz der Stadt mit dem Denkmal für die Seehelden von Iquique und dem alles überragenden Marineamt, war schön herausgeputzt, aber schon wenige Schritte weiter wurden wir von einem Security-Mitarbeiter gewarnt, auf dieser Straße weiterzugehen. Seine Handbewegung am Hals war eine eindeutige Geste. Dabei wollten wir gerade den ältesten Schrägaufzug der Stadt, den 1855 erbauten Ascensor Cordillera, benutzen. 16 solcher altertümlichen Aufzüge gab es in der Stadt, die sich über Hunderte Höhenmeter an den steil aufragenden Hügeln hochzieht. Die Aufzüge haben die Besiedlung erleichtert. Heute sind viele dieser für Valparaiso typischen Schrägaufzüge stillgelegt und die wenigen, die seit rund 150 Jahren bis heute ihren Dienst verrichten, waren für uns nicht sehr vertrauenerweckend. Etwas mulmig war es uns schon, als wir in den klapprigen Holzverschlag des Ascensor El Peral eingestiegen und sich der Aufzug knarrend und quietschend in Bewegung setzte. Die einheimischen Fahrgäste sahen uns wohl unsere Aufregung an und lachten. Sie leben ständig mit dieser Gefahr. Sogar das Auswärtige Amt warnte vor der Benutzung - aber einmal muss man schon mit so einer Klapperkiste gefahren seien.

Oben angekommen hatten wir einen traumhaften Blick über die tiefer liegenden Stadtteile und den Hafen. Langsam erkannten wir den Charme von Valpo, wie die Stadt hier genannt wird. Interessant ist das Nebeneinander von heruntergekommenen baufälligen Häusern und aufwendig restaurierten Kolonialbauten, in denen sich heute teure Gaststätten oder Luxushotels befinden. Die bewegte Geschichte der Stadt - Aufstieg, Niedergang und Neuanfang - spiegelte sich im heutigen Valpo wider. Im 19. Jahrhundert war Valparaiso der größte Hafen des gesamten Pazifikraumes. Dann, mit Eröffnung des Panamakanals und mit dem Rückgang der Salpeterexporte verkam die Stadt bis zur Bedeutungslosigkeit. Erst seit dem Wirtschaftsboom der 1980er Jahre floss auch wieder Geld nach Valpo. Mit diesem Wissen gelang es uns, die Stadt mit anderen Augen zu sehen. Es ist eine Stadt im Umbruch, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und heute im Wettlauf mit dem rasant voranschreitenden Verfall. Eines muss man Valpo aber lassen, die Stadt hat Charakter, was man von Viña del Mar nicht unbedingt behaupten kann.

Es ist schön in Viña, es ist sauber, ordentlich und fast alles ist neu erbaut. Hotels, Gaststätten, Casinos und unzählige Ferienwohnungen säumen den schönen Sandstrand und machen diesen Ort zu einem der beliebtesten Seebäder Chiles. Mit unserem Wohnmobil fühlten wir uns hier viel sicherer als in Valpo, aber die Stadt hat nichts Eigenes, nichts Typisches. Sie könnte genauso auch in Mexiko, in Spanien oder sonst wo auf der Welt stehen.

Das Schöne an diesen zwei so unterschiedlichen Städten ist jedoch, dass man sich nicht für eine entscheiden muss. Zwischen Valpo und Viña liegen Welten, aber sie sind nur 10 km voneinander entfernt.

12.09.2011 – An der Küste weiter südwärts

Nach dem dicht besiedelten Ballungsraum um Santiago und Valparaiso tat es gut, wieder durch eine ruhigere Gegend zu fahren. Bei Algarrobo erreichten wir wieder die Küste, die hier rau und mit mächtiger Brandung auf den breiten Sandstrand aufläuft. Vielleicht war diese schwere See auch der Grund, dass hier ein Weltrekord-Bauwerk entstand. Vor einer gewaltigen Ferienanlage erstreckt sich der größte Swimmingpool der Welt – mit über 1000 m Länge und einem Fassungsvermögen von 250 Millionen Liter Wasser. Der Parkplatz neben der Ferienanlage war gut für eine Nacht und einen WiFi-Internetzugang gab es noch gratis dazu.

Nur wenige Kilometer weiter liegt Isla Negra, ein kleiner Fischerort, der durch das Pablo-Neruda-Haus, dem größten und schönsten der drei Neruda-Häuser, bekannt geworden ist. Neruda hatte nicht nur beim Schreiben große Ideen und viel Fantasie, sondern ebensolche auch beim Bau und der fortwährenden Veränderung seiner Häuser. Ständig wurde etwas umgebaut, erweitert und geändert. Ein Baumeister und ein Zimmermann hatten eine Festanstellung bei Neruda. Dem Haus sieht man Nerudas Liebe zum Meer an. Er sammelte alles, was mit der Seefahrt zu tun hatte. Muscheln, Buddelschiffe und Galionsfiguren zieren die Wände und das Esszimmer ist einer Hafenkneipe nachempfunden.

So maritim eingestellt erreichten wir San Antonio, die größte Hafenstadt südlich von Valparaiso. Wir kamen gerade richtig zum wöchentlichen Fischmarkt. Es war ein Erlebnis, die riesigen Berge an exotischen Fischen und Meeresfrüchten zu sehen. Gleich neben den Fischständen rekelten sich Seelöwen auf den Felsen und die Pelikane zankten sich lautstark um die Fischabfälle. Wir kauften Schwertfischfilet, eine in Deutschland ausgesprochen seltene Delikatesse, und bezahlten gerade mal 3,50 € pro Kilo. Dann erstanden wir auch noch frisch geräucherten Reineta. Es ist einer der beliebtesten Speisefische in Chile und geräuchert haben wir ihn bisher noch nie bekommen.

Mit Fisch waren wir jetzt gut versorgt, und da die Stadt nicht viel Sehenswertes bot, fuhren wir bald weiter. Unsere Fahrt führte uns auf kleinen Nebenstraßen, abseits der mautpflichtigen Panamericana, an der Küste südwärts. Oft staunten wir über neu gebaute Strandpromenaden, Schulen, Vereinshäuser und öffentliche Gebäude. Hier wurde in den letzten Jahren viel staatliches Geld investiert und wieder aufgebaut, was durch verheerende Naturgewalten zerstört wurde - wir waren in der gefährlichsten Erdbebenregion Chiles. Bis zu 500, meist jedoch nur kleinere Beben werden jedes Jahr aufgezeichnet, aber alle paar Jahre kommt es zu einer regelrechten Naturkatastrophe. In Concepción steht kein einziges historisches Gebäude, alles ist modern, nüchtern und funktional. Die Geschichte der Stadt ist ein einziges Horrorszenario. Sechsmal wurde die Stadt bisher durch Erd- oder Seebeben zerstört oder großflächig beschädigt. Das letzte große Erdbeben von 2010 hatte sein Epizentrum auch wieder in der Nähe von Concepción. Es wurden solch gewaltige Kräfte freigesetzt, dass die gesamte Stadt um 3 Meter nach Westen verschoben wurde. Kein Wunder, dass viele Chilenen hier nicht mehr wohnen möchten und wegziehen. Auch für Touristen und Gäste bietet die Stadt nicht viel Sehenswertes - wir ließen die Stadt schnell hinter uns.

Hunderte Kilometer fuhren wir durch weitläufige Waldplantagen. Der wilde chilenische Wald mit den typischen Andenlärchen, den Eichen und Buchen ist schon lange abgeholzt. Während der Militärdiktatur unter Pinochet wurde der Holzeinschlag subventioniert. Die Chilenen schafften es, den ursprünglichen Wald in einer Geschwindigkeit abzuholzen, die sogar das Tempo in den brasilianischen Amazonaswäldern übertraf. Heute setzt man auf schnell wachsende Kiefern und Eukalyptusbäume. Die ganze Gegend lebt von der Holzwirtschaft. Die Straßen wurden von Holztransportern dominiert und im Abstand von wenigen Kilometern stehen Zellulose- und Holzfabriken. Über einfache Hafenanlagen, die nur aus einer Landungsbrücke und einem Förderband bestehen, wurde das Holzgranulat dann auf Schiffe verladen und in alle Welt verkauft. Chile hält den zweifelhaften Rekord, eines der Länder mit den umfangreichsten Waldplantagen weltweit zu sein.

17.09.2011 – Im chilenischen Seengebiet

Südlich von Temuco kreuzten wir die Panamericana und fuhren in Richtung Andenkette. Hier liegt, eingebettet zwischen dichtem Mischwald, Feldern und grünen Weiden, das chilenische Seengebiet. Schon von Weitem sehen wir den Vulkan Villarrica. Mit seiner idealen Kegelform zählt er zu den schönsten Vulkanen Chiles. Auf der Fahrt zum gleichnamigen See war er unser Wegweiser.

Am Abend begann es stark zu regnen und auch die ganze Nacht trommelte der Dauerregen auf das Dach unseres Wohnmobils. Ideales Fahrwetter für unseren Kurzausflug nach Argentinien, dachten wir. Da unser Visum und die Einfuhrerlaubnis für das Wohnmobil nur noch eine Woche gültig waren, wollten wir mit einem Grenzübertritt beides erneuern. Felix hatte sich bereit erklärt, mit Basko und den einfuhrverbotenen Lebensmitteln auf der chilenischen Seite in einer Gaststätte zu warten. Es regnete immer noch, als wir am nächsten Morgen in Richtung Argentinien aufbrachen. Über Pucon und Curarrehue kamen wir auf guter Straße flott voran, dann ging es ziemlich steil bergauf zum Grenzpass nach Argentinien. Der Regen der letzten Nacht war hier als Schnee gefallen und je höher wir kamen, umso kritischer wurden die Straßenverhältnisse. Mittlerweile gab es nur noch eine Spur aus festgefahrenem Schnee. Wir hatten keine Schneeketten und unsere Reifen waren für diese Straßenverhältnisse nicht geeignet. Wie sollten wir ausweichen, wenn uns ein Fahrzeug entgegen käme? Wir wollten das Winterabenteuer so schnell wie möglich abbrechen, aber leichter gesagt als getan. Die Straße war zu schmal, es gab keine Möglichkeit zum Wenden. Dann kamen uns zwei argentinische Fahrzeuge entgegen. Beim Ausweichen rutschten wir in den hohen Schnee und kamen nicht mehr los. Die Argentinier hielten sofort an und wollten uns helfen das Wohnmobil rauszuschieben, aber wir saßen zu tief im Schnee fest. Da half nur Schnee schaufeln. Mit unserem Klappspaten haben Felix und ich eine Spur für die angetriebenen Räder freigeschaufelt und wir waren gerade dabei auch noch etwas Freiraum auf der Straße zu schaffen, als wir den Schneepflug hörten. In kurzer Zeit hatte das schwere Räumfahrzeug eine Stelle zum Wenden frei geschoben uns aus dieser kritischen Situation befreit.

Als wir wieder talwärts rollten, waren wir erleichtert und froh, dass nichts Schlimmeres passiert war. Wir hatten die Wettersituation am Malal-Pass völlig falsch eingeschätzt. Ein Besuch der Thermen in Trancura rettete uns dann den trüben und kalten Tag.

Der nächste Morgen begrüßte uns mit frostigen Temperaturen, klarem Himmel und Sonne pur. In Pucon, einem netten kleinen Touristenort, der uns etwas an Banff in Kanada erinnerte, verbrachten wir den Tag. Der gepflegte Ort liegt am Ufer des Lago Villarrica, am Fuße des gleichnamigen Vulkans, der mit einer Rauchwolke darauf aufmerksam machte, dass er zu den aktiven Vulkanen Chiles zählt.

Unserer weitere Fahrt führte uns über wunderschöne Panoramastraßen nach Süden. Immer neue Ausblicke auf malerische tiefblaue Seen, eingerahmt von den schneebedeckten Andengipfeln, veranlassten uns wiederholt anzuhalten und dieses Bilderbuchpanorama regelrecht in uns aufzusaugen. Wir befanden uns in einer der schönsten Gegenden Chiles und manches hier verursachte bei uns heimatliche Gefühle. Nicht nur die Landschaft, die uns an die Alpen erinnerte, sondern auch die gepflegten Häuser mit ihren blumengeschmückten Fenstern und Balkonen. In den Vorgärten blühten bunte Frühlingsblumen und in deutscher Sprache wurden Pensionszimmer, landwirtschaftliche Erzeugnisse oder Kuchen angeboten.

In Puerto Octay trafen wir Christian. Er sprach ein ausgezeichnetes Deutsch und war stolz auf seine deutschen Vorfahren. Seine Urgroßeltern kamen 1880 aus Süddeutschland nach Chile. Die chilenische Regierung suchte damals nach einwanderungswilligen Deutschen, um die südchilenische Wildnis zu besiedeln. In über 30 deutschen Tageszeitungen wurde inseriert und 1846 kamen die ersten Deutschen nach Chile. Bis zur Jahrhundertwende waren es dann über 10.000 Einwanderer, die sich im Kampf gegen Schlamm, Regen und fast undurchdringlichen Urwald eine neue Existenz aufbauten. Heute erinnert manches an diese schweren Jahre. In vielen Vorgärten stehen noch die ersten Pflüge oder die alten Dampfmaschinen, mit denen die Bandsägen angetrieben wurden. Die deutsche Besiedlung in Südchile war eine Erfolgsstory. Produkte aus den sauber geführten Farmen waren und sind bis heute noch genauso gefragt wie die Angebote der deutschen Restaurants, Bäckereien oder Hotels.

Christian war noch nie in Deutschland, aber er kannte alle großen Städte, alle Bundesländer, die aktuellen Probleme in Deutschland und die derzeitige politische Situation. Sprache und Tradition wurden in seiner, wie in den meisten deutschen Einwandererfamilien ganz konsequent bewahrt. Zum Abschied gab er uns noch den Tipp, Frutillar zu besuchen. Es wäre die deutscheste Stadt in Chile.

In Frutillar, auf Deutsch Fruchtweiler, fühlten wir uns wirklich wie in Deutschland. Der kleine Ort lebt vom Tourismus und vermarktet sehr erfolgreich seine deutschen Traditionen. Man schläft hier im „Hotel am See“, trinkt Paulaner-Bier oder Filterkaffee und isst Spätzle, Strudel oder Obstkuchen. Überall sahen wir deutschsprachige Angebote und aus den geöffneten Fenstern der deutschen Schule hörten wir deutsche Volkslieder. Unser positiver Eindruck von Frutillar änderte sich aber schlagartig, als wir dann am Seeparkplatz das große Schild sahen, auf dem in mehreren Sprachen ein generelles Parkverbot für Wohnmobile im ganzen Ort verfügt war. Solch ein Reglement hatten wir seit den USA nicht mehr erlebt. Hier haben die Stadtväter wohl etwas über das Ziel hinaus geschossen, zumal es in Chile kaum Wohnmobile gibt. Wir haben uns dann auch nicht sehr lange in Frutillar aufgehalten und sind dorthin weitergefahren, wo wir willkommen waren.

23.09.2011 – Die Insel Chiloe

„Chiloe ist wunderschön“ wurde uns immer wieder versichert, wenn wir mit Chilenen über unsere nächsten Reiseziele sprachen. „Da müsst ihr unbedingt hinfahren“. Unsere Erwartungen waren also hoch, als wir mit der Fähre über den Chacao-Kanal übersetzten und nach 30-minütiger Fahrtzeit auf der zweitgrößten Insel Südamerikas von Bord rollten. Es war ein idealer Tag, die Sonne tauchte das Meer in ein tiefes Blau und die saftigen Wiesen standen im farblichen Kontrast zum leuchtend gelben Ginster. Rinder, Schafe und auch einige Pferde standen auf den saftigen Weiden und fraßen sich am frischen Gras satt. Eine landschaftliche Idylle war unser erster Gedanke, aber beim genauen Hinsehen erkannten wir das karge und entbehrungsreiche Leben der Chiloten. Die Häuser waren klein und alt, durch die Fenster und Türen pfiff der Wind. Für den langen Winter auf Chiloe hatte man nur einen kleinen Holzofen als Heizquelle, Strom und fließendes Wasser waren keine Selbstverständlichkeit. In manchen Vorgärten standen alte verrostete Pick-ups - Zeichen eines bescheidenen Wohlstandes auf Chiloe. Wer will heute noch so leben? Die jüngere Generation sah schon vor vielen Jahren keine Perspektive mehr auf der Insel. Das schöne ursprüngliche Leben, weswegen die Besucher aus Santiago und aus anderen großen Städten hierher kommen, ist für die Chiloten ein täglicher Existenzkampf, der sich langsam entwickelnde Tourismus die einzige Hoffnung für die Inselbewohner.

An der Westküste, bei Pumillahue, hatte man diesen Tourismus-Trend schon erkannt. Hier befindet sich eine Kolonie von Magellan- und Humboldtpinguinen. Mit einem kleinen Motorboot fuhren wir zu den Inseln des Naturschutzgebietes und konnten die putzigen Vögel beobachten. Besonders die hüpfende, fast etwas schwerfällig wirkende Fortbewegung auf dem steinigen und steilen Ufer und die Leichtigkeit, mit der sich diese guten Schwimmer im Wasser bewegten, war gut zu sehen. Die Beobachtung war übrigens nur vom Boot aus möglich, die Inseln durften nicht betreten werden. Diese Maßnahme galt vor allem den im Bestand gefährdeten Humboldtpinguinen, von denen es nur noch wenige Tausend gibt.

Am nächsten Morgen regnete es in Strömen und wir waren froh, den Ausflug zur Pinguinkolonie noch am Vortag unternommen zu haben. Die Fischer sagten uns, dies wäre das typische Wetter auf Chiloe, der Sonnenschein gestern war eine Ausnahme. Über Chiloes Wetter schrieb schon Charles Darwin im Jahre 1834 nach einem Besuch der Insel: „Im Winter ist das Klima schauervoll, und im Sommer ist es nur ein wenig besser. Ich glaube, es gibt innerhalb der gemäßigten Zonen wenige Teile der Erde, wo so viel Regen fällt. Die Winde sind sehr stürmisch, und der Himmel ist beinahe immer bewölkt“. Wie wenig sich doch in den Jahren seit damals geändert hat. Wir rumpelten über die Schotterstraße zurück nach Ancud, der Himmel hing voller dichter Wolken und der Wind trieb mit heftigen Böen Regenschauer über das Land. Die gestern noch so liebliche Landschaft war verschwunden. Alles war grau, nass und kalt.

Bis Dalcahue fuhren wir noch und quartieren uns dann direkt am Hafen ein. Die Fischerboote waren bei Ebbe auf die Seite gekippt und lagen wie gestrandet im flachen Wasser. Erst mit der nächsten Flut konnten sie wieder auslaufen, aber die wenigsten Fischer fuhren an diesen Tagen zum Fischen raus. Es gab zu wenig Nachfrage auf der Insel, erst in den Ferienmonaten wird das Geschäft wieder besser laufen. Wir verbrachten den Rest des Tages im Wohnmobil, Petra bereitete uns frischen Fisch zum Abendessen und danach machten wir es mit einem Glas Wein so richtig gemütlich.

Trotz des weiterhin trüben Wetters besuchten wir am nächsten Tag, es war der letzte gemeinsame Tag mit Felix, die Hauptstadt Castro. Hier steht die größte und imposanteste Holzkirche Chiloes. 150 dieser so typischen Kirchen wurden bis Ende des 19. Jahrhunderts auf Chiloe und den Nachbarinseln erbaut, alle aus Holz und oft mit Alerceschindeln oder bunt bemaltem Blech verkleidet. 16 von ihnen sind als UNESCO-Welterbe eingestuft. Die Kathedrale in Castro ist auch deshalb so interessant, weil sie von einem italienischen Architekten als Stein- und Betonbau entworfen wurde. Da aber das Alerceholz viel billiger und auf der Insel in großer Menge vorhanden war, baute man die Kirche einfach aus Holz. Ein wirklich eindrucksvolles Bauwerk, vor allem von innen, wobei der langsame Verfall nicht zu übersehen war.

Außer der Kathedrale waren noch die Pelafitos, die berühmten bunt getünchten Pfahlhäuser Castros sehenswert. Sie sahen von der Straßenseite wie ganz normale Häuser aus, standen aber auf ihren Stelzen halb im Wasser, sodass die Fischer mit ihren Booten direkt unter die Häuser fahren konnten. So pittoresk diese bunt angestrichenen Pelafitos auch aussahen und so oft sie auch als Fotoobjekt herhalten mussten - wohnen wollte dort kaum noch jemand. Die Häuser sind nicht viel mehr als dünnwandige Bretterbuden, ohne vernünftige Heizung oder sanitäre Anlagen.

Auf unserer Rückfahrt nach Puerto Montt hielten wir noch für einen Stadtspaziergang in Ancun, aber bei diesem trostlosen und regnerischen Wetter machte es einfach keinen Spaß. Vielleicht war es nur Zufall, aber nachdem wir das Festland wieder erreicht hatten, lugte die Sonne zaghaft durch die Wolken und in Puerto Montt schien sie dann von einem fast wolkenfreien Himmel.

Am letzten Abend mit unserem Sohn saßen wir noch lange zusammen und wollten den Augenblick festhalten. Wir erzählten, machten Pläne und waren uns doch dessen bewusst, dass die gemeinsamen Tage morgen vorbei sein werden und wir uns für eine längere Zeit nicht mehr sehen. Am nächsten Morgen fuhren wir Felix pünktlich zum Flughafen nach Puerto Montt und dann fühlten wir uns wieder mindestens einen ganzen Tag so richtig einsam.

04.10.2011 – Zeugen der Naturgewalten

Einen Tag, nachdem Felix zurück nach Deutschland geflogen war, begann das schlechte Wetter mit Regen, Wind und Kälte. Es fühlte sich an wie ein nasskalter April in Deutschland. In Puerto Varas gab es einen ruhigen Parkplatz, direkt am See, und dort warteten wir auf eine Wetterbesserung. Jeden Tag hofften wir darauf, endlich zur Erkundung des Lago Llanquihue aufbrechen zu können, doch es regnete noch weitere fünf Tage. Dann begrüßte uns am Morgen ein wolkenloser Himmel und strahlender Sonnenschein. Nach einem schnellen Frühstück wollten wir nur noch los. Wir fuhren am südlichen Ufer des Lago Llanquihue entlang und staunten immer wieder über die fantastischen Ausblicke. Grüne Wiesen, tiefblaues Wasser und der schneebedeckte Vulkan Osorno, der sich am anderen Ufer des Sees erhebt und mit seiner Kegelform das Idealbild eines Vulkans darstellt. Er ist dem Vulkan Villarrica sehr ähnlich und in Chile entbrennt gelegentlich ein Streit darüber, welcher der beiden der schönere ist.

Ein nicht weniger schönes Panorama bot sich uns am kleinen Lago Todos Los Santos. Im tiefblau bis smaragdgrün schimmerndem Wasser spiegelten sich die verschneite Spitze des Cerro Tronador, dessen Gipfel direkt auf der Grenze zu Argentinien liegt, und die schroffe Felsspitze des Vulkans Puntiagudo. Noch heute ist der See von dichtem immergrünen Regenwald umgeben. Am westlichen Ufer, am Fuße des Vulkans Osorno, lagen riesige Berge schwarzer Asche und Lavagranulat. Sie stammten noch vom letzten Ausbruch des Vulkans Osorno vor mehr als 150 Jahren. Seit diesem großen Ausbruch ist es ruhig geworden um den Osorno, ungefährlich ist er deswegen noch lange nicht. Besonders die extremen Wetterumschwünge haben schon manches Bergsteigerteam kalt erwischt, einige Alpinisten haben es sogar mit ihrem Leben bezahlt. Für uns war es bei diesem ruhigen Wetter kaum eine Herausforderung, auf dem Vulkan Osorno zu fahren und etwas zu wandern. Bis zur Schneegrenze in etwa 1300 m Höhe führt eine sehr steile, aber gut befahrbare Serpentinenstraße. Hier beginnen die Bergpfade und auch ein Sessellift fuhr bis zu den unteren Vulkankratern. Leider lag an diesem Nachmittag hier oben alles in dichtem Nebel, auch der viel gerühmte Ausblick über den Lago Llanquihue blieb uns verborgen. Nach einer kurzen Wanderung freuten wir uns auf das Abendessen im warmen Wohnmobil und auf eine ruhige Nacht. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir kaum Schlaf finden würden. Gegen 22:00 Uhr frischte der Wind auf und rüttelte schon bedenklich an unserem Wohnmobil. Eine Stunde später hofften wir nur noch, dass wir vom orkanartigen Sturm nicht umgeworfen werden. Die Temperaturen waren innerhalb weniger Stunden bis unter den Gefrierpunkt gefallen und der eisige Regen bildete an den Wänden und Fenstern des Wohnmobils eine dicke Eisschicht. Als auch nach Mitternacht der Sturm nicht nachließ, sind wir wenigstens einige Meter in den Windschatten einer Berghütte gefahren - viel genützt hat es jedoch nicht.

Mit der ersten Dämmerung am Morgen haben wir die Abfahrt vom Vulkan gewagt. Zum Glück war die Eis- und Schneeschicht auf der Straße verharscht und rau. Ganz langsam rollten wir im ersten Gang, fast ohne zu bremsen, ins Tal. Hier unten merkten wir von dem Sturm kaum etwas, alles war ruhig, fast windstill, mit etwas Nieselregen. Jetzt konnten wir die Gefährlichkeit eines Wetterumschwungs auf dem Osorno nachvollziehen. Wie muss man sich fühlen, wenn man von solch einem Wetter auf dem Gipfel überrascht wird.

Neben vielen erloschenen Vulkanen, wie den Osorno, besitzt Chile mit 130 aktiven Vulkanen die meisten der Welt. Einer davon ist der nur wenige Kilometer westlich der Stadt Osorno gelegene Vulkan Puyehue. Am 4. Juni dieses Jahres ist er, nach über 50-jähriger Pause, erneut ausgebrochen. Als wir vier Monate nach diesem Ausbruch in Richtung Argentinien fuhren, wollten wir es kaum glauben, aber der Puyehue war noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Eine riesige Rauch- und Aschesäule stand über dem Berg und ließ uns erahnen, wie viel Energie der Vulkan noch immer freisetzte. Je näher wir dem Vulkan kamen, um so dichter wurde der Staub auf der Straße und im Nationalpark Puyehue lag alles unter einer dicken hellen Ascheschicht.

Im Nationalpark kamen wir mit Enrico, dem Betreiber der Hosteria, ins Gespräch. Er war Augenzeuge des Ausbruchs und berichtete uns von der gewaltigen Eruption, die innerhalb von fünf Stunden 100 Millionen Tonnen Asche, Sand und Bimsgestein mehrere Kilometer in die Höhe geschleudert hat. Dafür war eine Energie erforderlich, die der von 70 Atombomben entsprach, so die Berechnung argentinischer Wissenschaftler. Bis nach Australien waren die Auswirkungen zu spüren, so musste zum Beispiel in Perth der Flughafen geschlossen werden - aber die schlimmsten Auswirkungen verzeichnete man in unmittelbarer Nähe des Vulkans. Eine Fläche von über 700.000 Quadratkilometern war betroffen. In manchen Regionen sah es aus wie im Winter nach Neuschnee. Bäume, Straßen, Häuser, Vorgärten - alles war mit einer dichten hellgrauen Ascheschicht bedeckt. Noch schlimmer als in Chile waren die Auswirkungen in Argentinien. Die Gegend um Bariloche lebt fast ausschließlich vom Tourismus, jetzt war alles trostlos und grau. An vielen Restaurants und Pensionen sahen wir ein „SE VENDE-Schild“. Es war sicher der schlechteste Zeitpunkt zum Verkaufen, aber die Not zwang die Menschen zum Handeln. Auch die Viehwirtschaft litt unter dem Vulkanausbruch. Mehrere 100.000 Schafe sind in Argentinien verendet, weil sie die Last der Asche nicht mehr tragen konnten oder kein Futter mehr fanden.

Im chilenischen Osorno verzeichnete man dagegen ein anderes Phänomen. Jeden Abend kamen Tausende bunte Choroy, eine chilenische Papageienart, aus den betroffenen Andengebieten in die Parks der Stadt geflogen, weil sie keine Nahrung mehr fanden. Am nächsten Morgen flogen sie, ihrem inneren Orientierungssinn folgend, zurück, und am Abend waren die Bäume in den Parks von Osorno wieder von unzähligen Vögeln grellbunt gefärbt.

Vor knapp zwei Jahren waren wir indirekt von der Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull betroffen. Damals wurde der Flug unserer Tochter nach Mexiko gestrichen und wir haben das Geschehen aufmerksam verfolgt. Dass wir eine ähnliche Naturkatastrophe so hautnah erleben würden, hätten wir uns damals nicht vorgestellt.